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Prolog

Updated: Jun 17

REMEMBER - Nichts bleibt vergessen



»Du rennst los, wenn er die Tür aufmacht. Hörst du? Und du rennst! Egal was passiert!«

Widerwillig nickt das Mädchen.

»Gut, diesmal schaffen wir es.«

»Er wird dir wieder wehtun«, schluchzt sie.

Der Junge zieht einen Zipfel seines verschlissenen Hemds aus dem Bund der Hose, die mehr aus Löchern als aus Stoff besteht, und trocknet liebevoll ihre Tränen. Wie er es schon so oft getan hat.

»Das tut er auch, wenn du nicht abhaust.«

Das Mädchen sieht kopfschüttelnd zu ihm auf. »Du bist viel stärker und schneller als ich«, wagt sie einen letzten Versuch, ihn umzustimmen.

»Nicht damit.« Er sieht zu der blutigen Wunde an seinem Bein. Zieht den verrutschten, dreckigen Verband hoch und nimmt sie in den Arm. »Du musst laufen, so schnell du kannst. Stell dir vor, wir machen ein Wettrennen. Du willst mich doch nicht gewinnen lassen, oder?«, flüstert er ihr ins Ohr.

»Nein.«

Er legt sein Kinn auf ihrem Kopf ab und hält sie im Arm, bis sie ruhiger wird. Sie wird es schaffen.

Für einen Atemzug kann er es fühlen – Freiheit. Er riecht die frische Waldluft, spürt die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Dieses Gefühl lässt ihn hoffen, wenn auch nur für einen klitzekleinen Augenblick.

Von draußen dringt Lärm zu ihnen. Autotüren werden zugeschlagen. Männer unterhalten sich. Erzählen von Wochenenden mit ihren Familien. Kaum zu glauben, dass diese Scheusale eigene Kinder haben. Ob sie die auch in einem Verlies unter der Erde einsperren?



Das Klicken des Zellenschlosses holt ihn zurück in die grausame Realität. Er kann kaum laufen, aber er weiß, dass dies ihre Chance ist. Die Gelegenheit, dem Monster zu entkommen. Er nimmt all seine Kraft zusammen, boxt dem Mann vor ihm in den Magen, schiebt sich an ihm vorbei und humpelt entlang der Zellen durch den endlosen Gang.

Aufgebrachtes Geschrei begleitet ihn. Es sind dieselben Jungen, die ihn auch beim letzten Versuch angefeuert haben. Mit Bechern schlagen sie gegen die Gitterstäbe, jubeln, weil er es ein paar Meter weiter schafft als noch vor wenigen Tagen.

Doch dann gibt sein Bein unter den Schmerzen nach. Er fällt zu Boden.

Die Männer, die ihm gefolgt sind, haben ihn gleich eingeholt.

Unterdessen jagt das Monster dem Mädchen hinterher. Dank des Ablenkungsmanövers meistert sie die Flucht und schafft es nach draußen. Sie ist nicht gewillt, den Jungen zurückzulassen, aber es ist ihre einzige Chance, dieser Hölle zu entkommen. Möglicherweise ihre letzte.

»Lauf, Mia! Laaauuuf!« Eine Faust trifft den Jungen im Gesicht. Drischt auf ihn ein, bis er sich nicht mehr regt. Diesmal schaffen wir es. Er ist sich sicher.



Bildquelle © curaphotography © Roman_Sher - depositphotos © onphotoua © Cattallina

© hit1912 - Adobe Stock


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