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Auszug aus dem Roman

Remember - Die Erinnerung bleibt (
Teil 2)

von Romy Terrell

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Obwohl es Jahre her ist, erinnere ich mich an unsere Flucht, als wäre sie erst gestern gewesen. Unsere Körper waren schwach und ausgezehrt. Ich hatte große Mühe, mit dir und den anderen Jungen mitzuhalten.

   Du hast mich die Hälfte der Strecke getragen, trotz deiner Verletzungen. Du hast mir versprochen, dass wir es schaffen, dieser Hölle zu entfliehen. Dann hast du mich in einem abgelegenen Waldstück im Schutze des Dickichts zurückgelassen – allein.

   Ich habe dich angefleht, nicht zu gehen. Doch du hast dich nur zu mir gebeugt und mir meinen ersten Kuss gestohlen.

   Ich war fassungslos und überwältigt zugleich von deiner Zärtlichkeit, die du schon damals, trotz all der Brutalität, die unser Leben und unsere Gefangenschaft bestimmte, in dir trugst – aber du bist nicht er.

   Dies war der Tag, an dem ich alles vergessen sollte.

   Dich.

   Ihn.

   Mich selbst.

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Mia


Es ist Anfang April. Kohlweißlinge flattern umher, Bienen summen, Vögel zwitschern. Wenn es nach mir ginge, könnte ich stundenlang in dem Meer von Wildblumen und dem weiß bis zartvioletten Wiesenschaumkraut im kniehohen Gras sitzen und dem Himmel zusehen, wie er sich mit den wunderschönen Goldtönen der Morgensonne schmückt, die kühle Luft mit Wärme erfüllt und den Morgentau trocknet. Aber es geht nicht nach mir. Der Grund, warum ich hier hinter dem pastellfarbenen früh blühenden Rhododendron sitze, ist ein anderer.

   Plötzlich nehme ich eine Bewegung im Gras wahr. Nicht das Rauschen, das die langen, saftigen Grashalme im Wind tanzen lässt, sondern das Rascheln und Brechen der dünnen Halme, das entsteht, wenn jemand vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt und sich so leise wie möglich bewegt, um nicht entdeckt zu werden. Wie ein Raubtier, das sich unbemerkt seiner Beute nähert, bevor es zum Sprung ansetzt und seine Krallen ausfährt.

   Mein Herzschlag wird schneller. Selbst nach Monaten des Trainings passiert mir das noch immer. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich lasse es zu. Nehme das Kribbeln in meinem Bauch und das Pochen meines Pulses kaum wahr; weil ich gelernt habe, alles, was mich ablenkt, auszublenden. Stattdessen sauge ich die süßlich schmeckende Frühlingsluft und den bitteren Sog der Gefahr auf wie ein Schwamm das Wasser.

   Gleich ist mein Gegner nahe genug. Das spüre ich. Ich wittere meine Chance, bleibe geduldig. So, wie sie es mir beigebracht haben. Viel zu oft habe ich zu früh angegriffen. Heute werde ich warten und den richtigen Moment abpassen. »Greif erst an, wenn du denkst, es ist zu spät. Dann hast du den größten Überraschungseffekt auf deiner Seite, weil dein Gegner sich in Sicherheit fühlt«, hat Adam gesagt.

   Und ich warte ... Nicht nur, bis er unmittelbar vor mir steht, nein, ich warte, bis er an mir vorbei geschlichen ist. Bis er sich in Sicherheit wägt. Dann springe ich auf. Reiße ihn zu Boden, setze mich rittlings auf ihn, fixiere seine Hände neben seinem Kopf im Gras und übersäe sein Gesicht mit sanften Küssen.

   »Setzt du so all deine Gegner außer Gefecht?«

   Ganz bestimmt nicht. »Nur die, die mir überlegen sind«, witzele ich.

   »Verstehe.« Ryan zieht meine Hände über seinen Kopf. Er nutzt den Moment, in dem ich versuche, mein Gleichgewicht zu halten, rollt sich mit mir zur Seite und legt seinen Oberkörper behutsam auf meinem ab. Dann küsst er mich zärtlich.

   »Setzt du so all deine Gegner außer Gefecht?«, scherze ich lachend, als seine Nasenspitze die meine kitzelt.

   »Nur die weiblichen.« Seine Mundwinkel ziehen leicht nach oben. Ich liebe es, wenn er lacht. Er streicht mir über die Wange, meine Finger vergraben sich in seinen pechschwarzen Haaren und ich ziehe ihn zu mir. Meine Lippen legen sich auf seine. Die Hitze und Leidenschaft, die in Ryan brodelt, schwappt auf mich über. Ich hätte nie geglaubt, dass mir das einmal passiert, aber ich bin süchtig nach diesem Mann. Nach seinen Küssen. Nach seinen Berührungen. Nach...

   »Peng! Ihr seid beide tot.« Chris hält uns einen knorrigen Stock vor die Nase.

   »Wir tauschen die Teams!«, höre ich Owen aus der Ferne rufen.

   Ich kann mein Seufzen nicht unterdrücken.

   »Wir sind zum Trainieren hier!«, ermahnt Owen mich, der kurze Zeit später neben uns auftaucht. Seine dritte Ermahnung innerhalb der letzten vierzig Minuten.

   »Das ist langweilig«, protestiere ich. »Können wir nicht was anderes machen?«

   »Wir machen das so lange, bis es sitzt.«

   Ryan steht auf und hilft mir hoch. Kaum bin ich auf den Beinen, zieht er sein Smartphone aus der Gesäßtasche, wirft einen flüchtigen Blick auf die aufblinkende Nachricht und steckt es wieder ein. Binnen Sekunden ist Porter bei uns. Ryan und Owen sehen sich nur kurz an. Dann verschwinden die beiden mit einem knappen »Bis später«.

   Nachdenklich sehe ich Ryan und Porter hinterher. Sie gehen zu ihren Maschinen und fahren davon.

   »Weiter geht's! Sam und Mia, ihr beide gegen Chris, Jax und Sebastian.« Owen mischt die Teams neu.

   »Was ist mit dir?«

   »Diesmal werde ich euch zusehen.«

   »Aber dann sind wir drei gegen zwei.«

   »War es dir gerade eben nicht zu langweilig?« Owen grinst. Ich weiß, dass er und die anderen es nur gut meinen mit Sam und mir. Sie wollen uns auf das, was kommen könnte, vorbereiten.

   Ich bin froh darüber, dass Ryan es geschafft hat, Edith davon zu überzeugen, dass Sam keine Gefahr für uns darstellt. Anfangs konnte ich ihr Misstrauen Sam gegenüber nicht nachvollziehen. Doch Ryan hat mir erklärt, dass Sam es für einen Überläufer sehr gut hatte. Die Zeit, die er in der Zelle verbringen musste, ist um einiges kürzer ausgefallen, als Edith ursprünglich angeordnet hatte.

   Seit Richard mir dieses Mittel gespritzt hat und meine Erinnerungen nach und nach zurückkommen, hat er nichts unversucht gelassen, um an mich heranzukommen. Bis jetzt haben meine Brüder, Ryan und sein Team dies verhindern können, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Richard einen Moment der Unachtsamkeit erwischt und mich in sein Labor schleppt.

   »Wir brauchen eine andere Strategie, wenn wir es mit den dreien aufnehmen wollen.«

   Nickend stimme ich Sam zu, der mit einem dünnen Ast eine kleine Karte in den staubtrockenen Boden ritzt. Unsere Mission lautet, die gegnerische Flagge aus dem verlassenen Haus zu holen und sie in unser Quartier zu bringen. Wobei unser Quartier ein morscher Hochsitz ist und das Quartier unserer Gegner ein Autowrack.

   »Wir müssen sie ablenken. Aber womit könnten wir ...« Ich sehe mich um, doch Sam hält die Antwort in seinen Händen. »Was ist das?«

   »Knallsilber.« Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. »Schon mal davon gehört?«

   »Nein.«

   »Es wird unter anderem in Knallfröschen verwendet.«

   »Das sind aber ziemlich große Knallfrösche«, stelle ich fest.

   »Außer einem sehr lauten Knall passiert nichts.«

   »Bist du dir da sicher?«

   »Keine Sorge. Ich habe das schon mal gemacht.« Sam kennt sich mit solchen Dingen aus und für unsere Gegenspieler käme die kleine Explosion tatsächlich überraschend. Trotzdem bin ich skeptisch.

   »Sieh her. Wir teilen uns auf. Du bist schneller als ich und wirst deshalb die Flagge holen. Sobald du an dem Haus bist, werfe ich die Knallfrösche. Das wird sie für einige Sekunden ablenken. Dann schnappst du dir die Flagge und bringst sie ins Quartier.« Hört sich nach einem Plan an. »Ich gebe dir Rückendeckung, falls dir einer folgt.«

   Ich nicke, sehe noch einmal auf die unübersichtliche Kritzelei zwischen uns und verwische sie dann mit meiner Handfläche.

   In den letzten Monaten haben wir täglich trainiert. Mittlerweile kenne ich meine Stärken und meine Schwächen ganz gut: Schnelligkeit und Ausdauer sind meine Stärken. Kraft hingegen meine Schwäche. Egal, wie oft ich trainiere, ich werde nie so stark sein wie die anderen.

Sam hingegen ist um einiges stärker, als man auf den ersten Blick vermutet. Dafür hat er eine schlechtere Kondition.

   Der Startschuss ertönt und wir setzen uns in Bewegung. Sam versteckt sich einige Meter vom Haus entfernt zwischen den prächtigen, wild wuchernden Rhododendren.

   Als ich an der Rückseite des Hauses ankomme, erhasche ich einen Blick durch einen schmalen Riss in der Leichtbausteinwand. Jax und Chris, die sich in den leer stehenden Nebenräumen verstecken, haben mich nicht bemerkt. Sebastian wartet auf der anderen Seite, vor der Eingangstür.

   Wieder spüre ich, wie mein Herz rast. Auch wenn es nicht real ist, wir nicht auf einem richtigen Einsatz sind oder uns in Gefahr befinden und unsere potenziellen Gegner unsere Freunde sind, reagiert mein Körper, als wäre der Kampf real.

   Dann blitzt der abgebrochene Autospiegel auf, den Sam an einer Schnur befestigt hat, um ihn durchs Gras über das Gelände zu ziehen und Sebastian in die entgegengesetzte Richtung zu locken.

   Ihren Plan, jeder schnappt sich einen von uns und der dritte kann sich in Ruhe die Flagge holen, haben wir gleich durchschaut.

   Sebastian hat die unscheinbare Bewegung und das Glitzern des Spiegels wenige Meter vor sich entdeckt und folgt den sich biegenden Grashalmen zur gegenüberliegenden Seite.

   Ich atme tief ein. Als Sebastian weit genug vom Haus entfernt ist, gebe ich Sam ein Zeichen.

   Eine der bierdeckelgroßen Kugeln fliegt durch die Luft. Als sie auf dem Boden aufschlägt, ertönt ein ohrenbetäubender Knall.

   Im selben Moment springe ich durch das Fenster, schnappe mir die Flagge und renne an Jax und Chris, die gleichzeitig aus den Zimmern stürmen, vorbei und durch den Flur nach draußen. Mir bleibt keine Zeit, um zu dem schmalen Gartentor zu sprinten, weil Sebastian mir bereits hinterherjagt. Daher entscheide ich mich spontan für eine Abkürzung, stütze mich mit einer Hand auf einem der Holzpfosten ab und springe über den maroden Gartenzaun.

   »Mia! Hier drüben!« Sam ist nur wenige Meter von mir entfernt.

   Ich werfe ihm die Flagge zu, bevor Sebastian mich einholen kann. Der Plan geht auf. Er lässt von mir ab und rennt Sam hinterher, der weiter auf den Hochsitz zustürmt. Aber Sebastian ist schnell, und wenn Sam nicht den Turbo zündet, hat er ihn mit wenigen Schritten eingeholt.

   Ich hetze neben den beiden her. Zum Hochsitz ist es nicht mehr weit. »Wirf die Flagge zum Hochsitz! Er hat dich gleich«, schreie ich.

   »Zum Hochsitz?«, ruft er verwirrt.

   »Tu es einfach!«

   Sam hält die Flagge wie einen Speer in seiner Hand, schlägt unerwartet einen Haken, bleibt dann abrupt stehen und wirft.

   Sebastian rennt an ihm vorbei, der Flagge hinterher.

   Unterdessen ziehe ich mein Messer und werfe es in Richtung Flagge. Kurz bevor sie die Fußbodenstreben erreicht, erwischt mein Messer den schmalen Holzstab, spießt ihn auf und fixiert die Flagge am seitlichen Fußbodenbalken des Hochsitzes.

   »Wohoo!« Sam und ich reißen die Arme in die Höhe und freuen uns wie die Schneekönige. Wir haben es geschafft. Die Flagge ist im Quartier.

   »Nicht schlecht«, staunt Owen, als er, Chris und Jax bei uns ankommen. Er zieht sein Smartphone aus der Hosentasche, wirft einen kurzen Blick darauf, woraufhin sich seine Miene für einen kaum merklichen Augenblick verfinstert. »Das Training ist für heute beendet. Wir fahren zurück. Mia, du fährst mit mir.«

   Schweigend stiefele ich Owen zu seinem Wagen hinterher, während die anderen schon zusammen fortfahren. Eine Sache hat sich in meinem Leben nicht geändert – über die Einsätze spricht niemand.

   »Lust auf ein bisschen Nahkampftraining?«, fragt Owen, als wir beinahe die Hälfte der Rückfahrt hinter uns haben.

   »Klar, warum nicht?« Ich stimme freudig zu. Da alle anderen zu dem Einsatz gerufen wurden, wird es sowieso ein öder Abend werden. Außerdem macht mir das Training mit Owen Spaß. Ich lerne viel dazu, weil er ganz anders kämpft als Ryan und ich. Und ab und zu guckt er sich auch etwas bei mir ab.

   Heute hat sich Owen eine Wiese am Waldrand ausgesucht. Im Gegensatz zu unseren letzten Trainingslocations ist es hier beinahe langweilig. Wir wechseln unsere Trainingsplätze fast jedes Mal. Ich finde es spannend, auf verschiedenen Untergründen zu trainieren, auch wenn einige von ihnen schmerzhafter sind als andere. Ein Grund mehr, sich anzustrengen und nicht auf dem Boden zu landen. Am interessantesten war definitiv das Training auf einem umgestürzten Baumstamm und das in einem knietiefen Fluss. Neben dem Halten meiner Balance auf dem Baumstamm hatte ich auch mit der Strömung des Wassers im Fluss zu kämpfen. Zwei Extreme, die man vielleicht nie hat, aber eine Erfahrung war es wert. Außerdem macht es einfach mehr Spaß, nicht immer nur in einer Halle zu trainieren. Zumal es näher an der Realität ist. Ich werde bestimmt nicht in einem Trainingsraum gegen jemanden kämpfen.

   Nach unserem Training zieht Owen zwei Bier aus der Kühlbox, die auf der Rückbank seines Pick-ups steht, und wir setzen uns auf die Wiese und reden. Normalerweise gönnen sich auch die Jungs nach dem Training ein Bier, aber diesen Plan hat der heutige Einsatz durchkreuzt.

   »Könntest du dir was ansehen und mir deine Meinung dazu sagen?«

   Ich nicke und nehme einen Schluck Bier.

   Owen wirkt angespannt, holt ein kleines, mit schwarzem Samt ummanteltes Kästchen aus dem Handschuhfach seines Wagens und hält es mir skeptisch entgegen.

   Ich stehe auf, öffne das Kästchen und sehe mir den Inhalt einige Sekunden lang an.

   »Denkst du, er würde ihr gefallen?«, fragt er unsicher und zeigt auf den weißgoldenen Ring, der mit drei kleinen Diamantsteinen besetzt ist.

   »Wow. Dieser Ring ist wunderschön«, sage ich ehrlich.

   Die Unsicherheit aus seinem Blick verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist, und macht Platz für ein erleichtertes und freudiges Lächeln. »Ich hatte schon Angst, ich würde mich damit blamieren.«

   »Nein, ganz im Gegenteil«, versichere ich Owen. Ich kenne Maggie mittlerweile auch sehr gut und bin davon überzeugt, dass er keinen besseren Verlobungsring hätte aussuchen können.

   Ich sehe Maggie schon jetzt vor mir, wie sie völlig ausflippt und aufgeregt jedem davon berichtet.

   »Wann wirst du sie fragen?«, frage ich, schließe das Kästchen wieder und reiche es ihm.

   »Scheiße! Runter!« Ich habe meine Frage noch nicht einmal aussprechen können, da wirft mich Owen zu Boden. Die Bierflaschen landen neben uns im Gras. Owen blickt mich zugleich besorgt und mit schmerzverzerrtem Gesicht an.

   Dann entdecke ich das kleine Geschoss in seinem Arm und ziehe es heraus. Mit einem Mal wird mir schlecht. Ich kenne dieses Projektil und seinen Inhalt nur zu gut und wenn Owen nicht innerhalb der nächsten Sekunden betäubt am Boden liegt, ist das überhaupt nicht gut, weil sich dann meine Befürchtung bewahrheitet. Jedoch komme ich nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Vom Waldrand her höre ich jemanden fluchen. Dann ein Geräusch, als würde ein Gewehr nachgeladen.

   »In den Wagen! Schnell!«, flüstert Owen.

   Uns bleibt keine Zeit. Auf allen vieren krabbeln wir zu der offenstehenden Beifahrertür und klettern in den Pick-up.

   »Unten bleiben!« Owen setzt sich geduckt hinter das Steuer, legt den Rückwärtsgang ein und gibt Gas. Nach nur wenigen Metern gibt es einen Rumms. Etwas schlägt gegen die Klappe der Ladefläche und Owen legt eine Vollbremsung hin.

   Obwohl ich unten bleiben soll, schiele ich trotzdem aus der Frontscheibe. Stück für Stück bewege ich mich wie in Zeitlupe nach oben, um zu sehen, was, oder besser gesagt wen wir überfahren haben.

   Owen tut es mir gleich und in dem Moment, als wir uns beinahe ganz aufgerichtet haben, springt der Angreifer auf und drückt erneut ab.

   Owen reagiert blitzschnell, schaltet, gibt Gas und überfährt ihn ein weiteres Mal. Einige Meter weiter kommt der Wagen zum Stehen.

   Mein Puls rast und ich atme mit Owen, der genauso geschockt ist wie ich, um die Wette. Wir schielen durch das Heckfenster auf den reglos am Boden liegenden Angreifer. Keiner rührt sich.

   Erst Minuten später steigt er aus und sieht nach ihm. Mich verdonnert er dazu, im Auto zu bleiben. Aber ich bin zu unruhig, was ist, wenn Owen plötzlich angegriffen wird? Vorsichtshalber steige ich trotzdem aus. Was Owen überhaupt nicht gefällt, aber ich ignoriere sein verärgertes Brummen. Ganz bestimmt werde ich ihn nicht ohne Rückendeckung gehen lassen. Dennoch bleibe ich in der Nähe des Pick-ups. Für den Fall, dass ein weiterer Angriff droht, halte ich mein Wurfmesser bereit.

   Owen kniet sich neben den leblosen Körper, fühlt den Puls am Hals und schüttelt den Kopf. Ich weiß, was dies bedeutet. Er ist tot. Der Angreifer ist tot. Erleichterung und Unbehagen breiten sich in mir aus. Noch einmal spielt sich der Angriff in meinem Kopf ab. Vor allem der Moment, als er aufsteht und ich sein Gesicht erkennen kann. Der Angreifer war Mike.

   Weitere Minuten sind vergangen und meine Befürchtung, dass Owen das gedankenauslöschende Serum, das ursprünglich für mich bestimmt war, abbekommen hat, bestätigt sich. Verdammt! Verdammt! Verdammt! Ich kann nicht klar denken. Mike liegt in einiger Entfernung tot auf der Wiese und Owen wird schon bald alles vergessen. Damals hat Ryan gesagt, dass Mike entkommen konnte. Es war auch die Nacht, in der ich von ihm erfahren habe, dass Kim Ryan bei sich aufgenommen hat und er Mikes Pflegebruder ist.

   Man muss immer das Positive in den Dingen sehen, die geschehen. Das hat Granny gesagt, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist. Sie hat recht; auch wenn wir für Mikes Tod verantwortlich sind, ist es gut, dass er mir nichts mehr antun kann. Doch es ist Mike, der vor uns liegt. Trotz der schrecklichen Dinge, die passiert sind, gab es eine Zeit vor all dem. Mike war unser Freund. Mein Freund. Er ist täglich bei uns ein- und ausgegangen. Gehörte quasi zur Familie. Hat mehr oder weniger bei uns gewohnt. Was die Tatsache, dass er meine Gedanken auslöschen und mich mit sich nehmen wollte, nur noch schrecklicher macht.

   Es war Notwehr, meldet sich mein Verstand, schwächt das aufkommende schlechte Gewissen allerdings nur gering ab.

   Dann kommt mir wieder das Geschoss in den Sinn. Owen hat dieses verdammte Zeugs abbekommen. Wir müssen etwas tun. Nein, ich muss etwas tun. Owen wird sich bald an nichts mehr erinnern können und dann ... Wie soll ich das Maggie erklären? Wie soll ich das überhaupt irgendjemandem erklären? Panik überkommt mich. Ich kann das nicht zulassen. Owen darf sein Gedächtnis nicht verlieren.

   »Wir verschwinden!«, reißt Owens Stimme mich aus meinem Gefühlschaos.

   Wie in Trance steige ich wieder in den Wagen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Wir können ihn hier doch nicht einfach so liegen lassen. Oder doch? Angesichts der Sorge um Owen hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen.

   Durch den Seitenspiegel beobachte ich, wie Mikes Körper kleiner und schließlich vollständig von der Dunkelheit umschlossen wird. Noch immer bin ich wie paralysiert.

   Owen sieht mich besorgt an. Er verlässt den geschotterten Feldweg, biegt aber nicht in die Richtung ab, aus der wir gekommen sind.

   »Wo fährst du hin?«

   »Wie lange habe ich noch?«, fragt er ernst.

   Ich raufe mir die Haare, versuche, mich zu erinnern, aber es will mir schlichtweg nicht einfallen. »Ich weiß nicht«, antworte ich ehrlich. »Minuten. Stunden. Tage. Keine Ahnung. Ich war nicht bei Bewusstsein, als es passiert ist.« Zumindest vermute ich das. Denn das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Flucht und dann, dass ich im Krankenhaus wieder aufgewacht bin, ohne zu wissen, was mit mir passiert ist.

   »Wir brauchen das Gegenmittel«, sage ich bestimmt.

   »Wir haben kein Gegenmittel.«

   »Ich besorge es«, versichere ich ihm. »Fahr mich nach Gresham und ...«

   »Und was?« Jetzt klingt er gereizt. »Wir fahren auf keinen Fall nach Gresham und erst recht nicht zurück ins Quartier.«

   Stimmt. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir einen anderen Weg eingeschlagen haben und uns immer weiter von Portland und somit auch von Gresham, wo sich eines der Quartiere der Organisation befindet, in dem Richard zuletzt tätig war, entfernen. Auch mir ist klar, dass er seit unserer Entführung dort nicht mehr anzutreffen ist, doch an irgendeinem Ort muss ich beginnen. Und im Moment ist Gresham der naheliegendste.

   »Wenn Mike nicht allein war, werden sie in der Nähe warten.«

   Mit sie meint er Richards Leute. »Bitte, Owen, ich handele einen Deal mit Richard aus. Das Gegenmittel für ...«

   »Das Gegenmittel für was? Dich? Kommt nicht infrage!«

   Dass er alles abblockt, macht mich in meiner Verzweiflung wütend. Ich könnte schreien. Verflixter Mist! Warum hat Mike mich nur verfehlt? Warum hat es Owen erwischt? Ich mache mir selbst Vorwürfe. Owen hat mich geschützt und jetzt ist er der Leidtragende. Wären wir doch nur sofort zurückgefahren. Dann wäre das alles nicht passiert. Nicht heute, aber gewiss zu einem anderen Zeitpunkt, verbessert mich meine innere Stimme.

   Richard hat mich schon zweimal in seine Finger bekommen, um seine Tests an mir durchzuführen. Weder Ryan noch meine Brüder konnten das verhindern. Nicht damals in meiner Kindheit nach dem tödlichen Autounfall meiner Eltern, nicht im letzten Jahr, bevor er unser Haus in die Luft gesprengt hat. Um seine Experimente an den entführten Kindern durchzuführen, geht er über Leichen. Das hat er bewiesen, als er Granny und Lin im Ranchhaus eingeschlossen hat, bevor das Feuer gelegt wurde. Alles nur, um an mich ranzukommen.

   In den letzten Monaten ist es Ryan und mir gelungen, weitere Lager und verschleppte Kinder ausfindig zu machen. Die Befreiungsaktion hat Ryan dann mit seinen Jungs durchgeführt. Sogar in den Nachrichten wurde von unbekannten Rettern berichtet, die die verschwundenen Kinder zurück nach Portland brachten. Wir haben uns immer bedeckt gehalten. Denn außer Ryans Team und meinen Brüdern weiß niemand von den Kindern, den Experimenten und unserer Vergangenheit – und das ist auch gut so.

   Der Pick-up kommt vor einem heruntergekommenen Lagergebäude zum Stehen. Das gewaltige Rolltor öffnet sich und wir fahren hinein. Dann wechseln wir den Wagen und fahren zwei Ortschaften weiter. Kommen vor einem hübschen Häuschen in einer Ortschaft namens Gates zum Stehen und gehen nach drinnen. Ich mache mir nicht die Mühe, Owen zu fragen, ob dies sein Haus ist. Der Einrichtungsstil und die Bilder von Maggie, die auf dem Kamin stehen, bestätigen meine Vermutung.

   Still und heimlich ziehe ich mein Smartphone aus der Gesäßtasche, schicke Ryan unseren Standort und tippe eine kurze Nachricht. Mein Entschluss, das Gegenmittel zu besorgen, steht fest, seit wir losgefahren sind. Im Grunde warte ich nur noch auf den richtigen Moment, um abzuhauen.

   Owen lässt sich auf dem bequem aussehenden anthrazitfarbenen Polstersofa nieder. Er stützt die Ellenbogen auf den Knien ab und sieht mich entschlossen an. »Ich werde ein Video von mir machen und versuchen, so viel wie möglich darauf festzuhalten. Wenn es so weit ist, möchte ich, dass du es abspielst. Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge, ich bin sicher, dass du mich wieder auf die richtige Bahn bringst. Nur eines musst du mir versprechen ... Lass Maggie nicht auf mich los, ehe sie eingeweiht ist. Sie soll die Möglichkeit haben, vorher zu entscheiden, ob sie sich das antun will.«

   »Was heißt hier antun!«, widerspreche ich, ehe er fortfahren kann. »Du wirst den hier nehmen«, sage ich entschieden und drücke ihm das Kästchen mit dem Verlobungsring in die Hand, das ich die ganze Zeit über fest umklammert habe, um es nicht zu verlieren. »Und du wirst sie fragen.«

   »Mia, das ...« Völlig durch den Wind schüttelt er den Kopf und fährt sich abermals durch die rotbraunen Haare.

   Ich weiß, wie er sich fühlt und dass er widersprechen will. »Nein, Owen. Das werde ich nicht zulassen! Du wirst hier auf mich warten. Ich werde dieses verdammte Mittel besorgen, ob dir das gefällt oder nicht!« Mit diesen Worten stürme ich aus dem Haus und lasse ihn allein zurück.

   Der Himmel schmückt sich mit den schönsten Farben des Sonnenaufgangs, während die ersten Sonnenstrahlen meine Nasenspitze kitzeln.

   Da Owen immer noch Owen ist, keimt in mir die Hoffnung auf, dass dieses Serum womöglich nicht wirkt. Unter Umständen passt die Zusammensetzung nicht, vielleicht hat Richard Mike nicht das richtige Serum gegeben oder es hatte nur eine begrenzte Haltbarkeit und wirkt deshalb nicht. Zumindest wünsche ich mir, dass Owen sein Gedächtnis nicht verlieren wird. Trotzdem kann ich mich nicht darauf verlassen. Der Gedanke daran, dass mir damals die Flucht gelungen ist und die Wirkung irgendwann später eingesetzt hat, lässt mich fast die Hoffnung verlieren.

   Während ich die Hofeinfahrt entlanglaufe, werfe ich einen kurzen Blick auf mein Smartphone, um sicherzugehen, dass der Standort, den ich Ryan geschickt habe, auch gesendet wurde.

   Owen darf jetzt nicht allein sein. Es fühlt sich schrecklich an, ihn hier zu lassen, aber mir rennt die Zeit davon. Ich muss schnellstens zurück nach Portland. Wir sind fast zwei Stunden gefahren, mit dem Bus würde die Fahrt mindestens doppelt so lange dauern. Außerdem habe ich keinen Cent dabei. Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt, werde ich per Anhalter zurückfahren müssen, denn selbst wenn ich jemanden anrufe, müsste derjenige erst hierher fahren und mich abholen. Was nur noch mehr Zeit kosten würde.

   Gedankenversunken laufe ich schneller an den Nachbarhäusern vorbei, was sich kurz darauf rächt, weil ich urplötzlich mit jemandem zusammenstoße.

   »Wohin des Weges, Prinzessin?«

   »Ryan? Was ...?« Ich sehe ihn verblüfft an. Wie kann er so schnell hier sein? Er müsste doch auf dem Einsatz sein. Den Standpunkt habe ich ihm vor wenigen Minuten geschickt und meine erklärende Nachricht, die ich vorhin getippt habe, sollte erst jetzt folgen.

   »Du warst nicht die Einzige, die mir geschrieben hat.«

   Ich sehe ihn überrascht an. »Owen hat dir geschrieben?« Ach, warum frage ich überhaupt. Sonst wäre er nicht hier. Schließlich war er derjenige, der zu mir gesagt hat, ich solle einen Standort senden, wenn ich in Schwierigkeiten bin. Ganz bestimmt handhaben Owen und er das nicht viel anders.

   »Bitte, ich muss das tun!«, versuche ich ihn abzuwimmeln, aber er lässt mich nicht weitergehen. Da er nicht fragt, was ich tun muss, wird Owen ihn bereits aufgeklärt haben. Innerlich bereite ich mich auf eine heftige Diskussion vor, aber Ryan grätscht mit nur einem Satz alles, was ich mir in den letzten Sekunden zurechtgelegt habe, ab.

   »Richard ist auf dem Weg hierher, wir werden zusammen gehen.«

   Ich muss ihn ansehen, als stünde der Leibhaftige vor mir. Sein Gesichtsausdruck wechselt innerhalb einer Sekunde von beschwichtigend auf entschlossen. Er meint es ernst. Daran gibt es keinen Zweifel. Im Wissen, dass ich ihn nicht umstimmen werde, mache ich einen Schritt auf ihn zu, lege meine Arme um seine Mitte und vergrabe mein Gesicht an seiner Brust. Wie so oft sind keine weiteren Worte nötig. Er wird mich nicht allein gehen lassen und ich ihn nicht. Die Lösung, zusammen zu gehen, kam unerwartet. Dennoch ist es die einzige, die wir beide akzeptieren.

Auszug aus dem Roman 'Remember - Die Erinnerung bleibt '. Veröffentlichung 01. Oktober 2021.

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