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Auszug aus dem Roman

Remember - Nichts bleibt vergessen (
Teil 1)

von Romy Terrell

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»Du rennst los, wenn er die Tür aufmacht. Hörst du? Und du rennst! Egal was passiert!«

   Widerwillig nickt das Mädchen.

   »Gut, diesmal schaffen wir es.«

   »Er wird dir wieder wehtun«, schluchzt sie.

   Der Junge zieht einen Zipfel seines verschlissenen Hemds aus dem Bund der Hose, die mehr aus Löchern als aus Stoff besteht, und trocknet liebevoll ihre Tränen. Wie er es schon so oft getan hat.

   »Das tut er auch, wenn du nicht abhaust.«

   Das Mädchen sieht kopfschüttelnd zu ihm auf. »Du bist viel stärker und schneller als ich«, wagt sie einen letzten Versuch, ihn umzustimmen.

   »Nicht damit.« Er sieht zu der blutigen Wunde an seinem Bein. Zieht den verrutschten, dreckigen Verband hoch und nimmt sie in den Arm. »Du musst laufen, so schnell du kannst. Stell dir vor, wir machen ein Wettrennen. Du willst mich doch nicht gewinnen lassen, oder?«, flüstert er ihr ins Ohr.

   »Nein.«

   Er legt sein Kinn auf ihrem Kopf ab und hält sie im Arm, bis sie ruhiger wird. Sie wird es schaffen.

   Für einen Atemzug kann er es fühlen – Freiheit. Er riecht die frische Waldluft, spürt die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Dieses Gefühl lässt ihn hoffen, wenn auch nur für einen klitzekleinen Augenblick.

   Von draußen dringt Lärm zu ihnen. Autotüren werden zugeschlagen. Männer unterhalten sich. Erzählen von Wochenenden mit ihren Familien. Kaum zu glauben, dass diese Scheusale eigene Kinder haben. Ob sie die auch in einem Verlies unter der Erde einsperren?

   Das Klicken des Zellenschlosses holt ihn zurück in die grausame Realität. Er kann kaum laufen, aber er weiß, dass dies ihre Chance ist. Die Gelegenheit, dem Monster zu entkommen. Er nimmt all seine Kraft zusammen, boxt dem Mann vor ihm in den Magen, schiebt sich an ihm vorbei und humpelt entlang der Zellen durch den endlosen Gang.

   Aufgebrachtes Geschrei begleitet ihn. Es sind dieselben Jungen, die ihn auch beim letzten Versuch angefeuert haben. Mit Bechern schlagen sie gegen die Gitterstäbe, jubeln, weil er es ein paar Meter weiter schafft als noch vor wenigen Tagen.

   Doch dann gibt sein Bein unter den Schmerzen nach. Er fällt zu Boden.

   Die Männer, die ihm gefolgt sind, haben ihn gleich eingeholt.

Unterdessen jagt das Monster dem Mädchen hinterher. Dank des Ablenkungsmanövers meistert sie die Flucht und schafft es nach draußen. Sie ist nicht gewillt, den Jungen zurückzulassen, aber es ist ihre einzige Chance, dieser Hölle zu entkommen. Möglicherweise ihre letzte.

   »Lauf, Mia! Laaauuuf!« Eine Faust trifft den Jungen im Gesicht. Drischt auf ihn ein, bis er sich nicht mehr regt. Diesmal schaffen wir es. Er ist sich sicher.

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Mia

 

Seit knapp drei Stunden stehe ich im Pub und kämpfe mich durch das Chaos, das mich umgibt. Pappkartons mit jeglichen Arten von Gläsern. Unmengen von soeben angelieferten Bierfässern, die ich kaum tragen kann, und jede Menge Getränkekisten, die sich vor dem Holztresen auftürmen und so gestapelt sind, dass ich hochhüpfen muss, um einen Blick auf die dahinter hängende Wanduhr zu erhaschen.

   Mittlerweile ist es kurz nach neun und die Verstärkung lässt noch immer auf sich warten. Wovon ich mir meine gute Laune nicht verderben lasse, denn heute ist nicht nur Ferienbeginn, sondern auch die Eröffnungsfeier unseres Pubs, das direkt an das Ranchhaus grenzt und nach monatelangem Umbau pünktlich zum Saisonbeginn seine Pforten öffnet. So oder so ähnlich stand es vorletzten Samstag in der Anzeige der Tageszeitung.

   Vor mich hin summend stelle ich das letzte Bierglas in das Regal hinter der Bar. Ich bin total aufgeregt und freue mich riesig auf den Abend. Was unter anderem daran liegt, dass mein Hausarrest seit gestern beendet ist und ich die nächsten Wochen keinen weiteren bekommen werde – zumindest nicht, weil ich in Mathe beinahe durchgefallen bin. Was mich selbst wohl am meisten geärgert hat. Denn nur mit guten Noten habe ich eine Chance, einen Platz an der École hôtelière de Lausanne in der Schweiz zu bekommen und Hospitality-Management zu studieren.

   Zuerst hat mir der Gedanke, mehrere Jahre im Ausland zu leben, Angst gemacht, inzwischen sehe ich diesen Auslandsaufenthalt als großes Abenteuer. Außerdem bietet mir das Studium die Möglichkeit, an den schönsten Orten der Welt zu arbeiten. Dafür habe ich mir sogar eine Liste erstellt. Ich werde mir die Nordlichter in Norwegen ansehen, das Kolosseum in Rom, werde durch die Highlands in Schottland wandern, einen Roadtrip durch Island machen, die Ruinen der alten Inkastadt in Peru erkunden und wer weiß, vielleicht spaziere ich eines Tages über die Chinesische Mauer in China. Auch wenn das meiste erst nach dem Studium möglich sein wird, freue ich mich schon jetzt riesig darauf.

   Ich gebe zu, dass das Lernen in den letzten Monaten zu kurz gekommen ist. Dementsprechend haben die letzten Klausuren meinen Schnitt nach unten gezogen. Nicht weil ich faul war oder keine Lust hatte, sondern weil ich zum ersten Mal mit einem Jungen zusammen bin und meine Freizeit lieber mit ihm verbringe, anstatt fürs College zu büffeln.

   Die Eingangstür zum Pub fliegt auf und Mike stapft wütend durch den rustikalen Gastraum, brummt ein genervtes »Morgen«, wirft seine Jacke über einen Barhocker und schnappt sich zwei Bierfässer auf einmal.

   »Morgen«, antworte ich lächelnd und räume die Saftflaschen in die Kühlschubladen ein. Seine miese Laune beachte ich nicht weiter. Wir kennen uns seit Jahren. Mike ist einer meiner engsten Freunde und ich spüre sofort, wenn er schlecht gelaunt ist. Das Klügste, was man in so einem Fall machen kann, ist, zu warten, bis sich der Sturm gelegt hat.

   Ich bringe die restlichen Kartons in den Lagerraum und gebe ihm Zeit, sich abzureagieren. Vermutlich erzählt er mir sowieso nicht, was passiert ist.

   Woher seine Gemütslage kommt, kann ich mir denken. Wie auch meine beiden älteren Brüder Adam und Chris, vermeidet er es, über die Organisation und deren Einsätze zu sprechen. Zumindest mir gegenüber. Was zwangsläufig zu Streitereien führt, weil ich mich dadurch oft ausgeschlossen fühle – und ich hasse es zu streiten.

   Seit dem Tod unserer Eltern vor über zehn Jahren hat sich vieles geändert. An sie und die Zeit vor dem Verkehrsunfall erinnere ich mich nicht, was mich wütend, aber auch traurig macht. Ganz gleich, wie oft ich mir unsere Familienfotos ansehe oder mich frage, wie es ist, Eltern zu haben – eine Mutter und einen Vater – oder wie unser Leben vor dem Unfall war. Wie mein Leben war. Die Erinnerungen kommen nicht zurück. Die Ärzte nennen das retrograde Amnesie. Was bedeutet, dass man sich nicht mehr an Geschehnisse vor einem traumatischen Ereignis erinnern kann. Sie meinten, meine Amnesie wurde durch den plötzlichen Verlust verursacht. Ein Schutz meines Unterbewusstseins, den ich nur durchbreche, indem ich die Erinnerung zulasse und dadurch überwinde.

   Nachdem wir zu Granny gezogen sind, schlossen sich meine Brüder der Organisation an. Oft werden sie spontan zu einem Auftrag gerufen und sind tagelang unterwegs, wie an diesem Wochenende. Wie lange ein Einsatz dauert, kann keiner sagen – manchmal nur wenige Stunden, aber manchmal auch Tage oder Wochen. Mit der Zeit habe ich mich damit abgefunden, dass bei uns alles irgendwie anders läuft.

   Auch dass ständig die Jungs aus Adams Team hier herumhängen, stört mich nicht, obwohl es nicht immer einfach ist, sich gegen so viel Testosteron durchzusetzen. Vor allem gegen Adam, meinen ältesten Bruder, der seit dem Unfall einen äußerst ausgeprägten Beschützerinstinkt an den Tag legt. Abgesehen von der Tatsache, dass er mich – das Küken der Familie – am liebsten im Haus einsperren würde, nur um sicherzugehen, dass mir nichts passiert, komme ich mit seiner Macke gut zurecht. Chris sieht das glücklicherweise lockerer und vermittelt, wenn es zwischen Adam und mir kracht, was in letzter Zeit öfter vorkommt, als mir lieb ist.

   Meistens stört es Adam, mit wem und wo ich unterwegs bin. Seiner Meinung nach sind unter meinen Freunden nicht die richtigen Leute dabei. Zumindest niemand, der wie er, Chris oder sein Team alle möglichen Kampftechniken beherrscht. Das ist einer der Gründe, weshalb seit Neuestem immer einer meiner Brüder oder jemand aus Adams Team mit von der Partie ist. Nicht das, was ich mir mit meinen siebzehn Jahren unter einem ausgelassenen Abend mit Freunden vorstelle, aber es ist immer noch besser, als zu Hause zu versauern. Auch wenn ich den Wirbel, den er deswegen macht, für völlig übertrieben halte und seine Predigten, wie gefährlich es für Mädchen in meinem Alter sei und ich endlich einen der Selbstverteidigungskurse bei Mike besuchen solle, mir auf die Nerven gehen.

   Mike füllt zwei Gläser mit Selbstgebranntem und schiebt mir eines hin.

   »Schnaps zum Frühstück?«, frage ich belustigt, winke ab und nippe an meinem Pfefferminztee, der inzwischen fast kalt ist. »Der ist mir lieber«, sage ich und stelle die Tasse wieder auf dem breiten Tresen ab.

   Mike stürzt den Schnaps hinunter und greift nach dem Glas, das er mir hingestellt hat. »Wie du meinst«, erwidert er gleichgültig. »Aber lass dir sagen: Ein Schnaps am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.«

   Er trinkt aus und schenkt nach.

   »Einer vielleicht«, erwidere ich grinsend. »Drei bringen ein anderes Problem mit sich.«

   Wieder fliegt die Tür auf.

   »So, so. Wolltet ihr nicht alles für die Eröffnungsfeier startklar machen?«, ruft Lin uns anklagend von der Tür aus zu.

   Mike verdreht die Augen, füllt kurzerhand ein weiteres Glas und stellt es ihr hin.

   »Adam würde dich erwürgen, wenn er wüsste, dass du dich mit seiner kleinen Schwester am frühen Morgen betrinkst«, ermahnt sie ihn. Ihr vorwurfsvoller Blick verschwindet jedoch überraschend schnell, als er ihr das dritte Glas reicht.

   »Erstens betrinken wir uns nicht. Und zweitens ist Adam nicht hier«, gibt er klugscheißerisch zurück.

   Lin wendet sich an mich. »Mia, er könnte jeden Moment zurückkommen. Und dann …«

   »Und dann würde er mir wieder eine Moralpredigt halten, wie er es andauernd macht. Nicht mehr und nicht weniger. Außerdem trinke ich sowieso lieber den hier.« Ich halte ihr meine Tasse unter die Nase, damit sie sich davon überzeugen kann, dass sich darin kein Alkohol befindet.

   »Ich meine ja nur … Dein Hausarrest ist gerade erst vorbei und …«

   »Bleib locker, Lin! Adam ist nicht hier und Mia hat nichts getrunken«, unterbricht Mike ihre Standpauke.

   In meinem Freundeskreis bin ich ebenfalls die Jüngste. Lin und ich sind schon lange befreundet und das, obwohl sie das absolute Gegenteil von mir ist. Niemand sonst ist so blond und hat so blaue Augen wie sie. Und das meine ich nicht abwertend. Lin ist wunderschön. Neben ihr komme ich mir oft gewöhnlich, wenn nicht sogar langweilig vor.

   Sie kommt aus reichem Elternhaus und achtet penibel auf ihr Äußeres. Nicht dass mir mein Aussehen egal ist, dennoch verplempere ich meine Zeit nicht damit, stundenlang vor dem Spiegel zu stehen oder mich mehrmals am Tag umzuziehen. Denn der ständige Schönheitswettkampf unter den Mädchen am College interessiert mich genauso viel wie Politik – überhaupt nicht.

   Selbst wenn wir nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet uns auf verschiedene Art und Weise dasselbe Schicksal. Wir wuchsen ohne Eltern auf.

   Editha, Lins Mutter, verließ Lin und ihren Vater zwei Jahre nach der Geburt grundlos und ohne jemals wieder Kontakt zu den beiden aufzunehmen. Ihr Vater war total überfordert mit der Situation und stellte kurzerhand eine Nanny ein, die sich um sie kümmerte, während er sich in seine Arbeit stürzte. Erst Jahre später bemerkte er, dass er das Wichtigste in seinem Leben vernachlässigt hatte – seine Tochter. Mittlerweile wohnen die beiden mit einer Hausdame und einem Gärtner in einem riesigen Anwesen in den Green Hills. Zwar ist Lins Dad bis heute ein Workaholic, aber er gibt sein Bestes, um sie zwischen den Geschäftsreisen so oft wie möglich zu sehen.

   »Noch knapp zwei Stunden«, stellt Lin mit einem Blick auf ihre goldene Armbanduhr fest. »Wir sollten uns fertig machen.«

   Die Getränke sind aufgefüllt, die Deko für die Cocktails vorbereitet und die Eiswürfelmaschine läuft auf Hochtouren.

   Mike und ich folgen ihr ins angrenzende Wohnhaus, um uns für den Abend schick zu machen.

   Im Erdgeschoss befinden sich Grannys Schlafzimmer, ein Gästebad, ein Wohnzimmer, welches meist für Teambesprechungen genutzt wird, und ein Esszimmer, von dem aus man durch die große Küche in den angrenzenden Pub gelangt. Im ersten Stock des Ranchhauses gibt es drei Schlaf- und zwei Gästezimmer. Chris und Adam teilen sich eines der beiden Badezimmer im hinteren Teil des Hauses. Ich hingegen habe mein eigenes kleines Reich, das mit einer Dusche, einer Toilette und einem Waschbecken ausgestattet ist.

   Mike verschwindet in einem der Gästezimmer, während Lin und ich in mein Zimmer gehen. Da Lin für gewöhnlich länger benötigt, um sich zurechtzumachen, gestatte ich ihr beim Duschen den Vortritt. Erleichtert lasse ich mich auf das Kingsize-Bett fallen und denke über die letzten Tage nach. Abgesehen von Rafael, an den ich im Moment lieber nicht denken möchte, Adams Anpfiff und meiner eigenen Enttäuschung wegen der schlechten Mathenote, bin ich traurig, weil Adam und Chris heute nicht dabei sein können.

   Lin kommt in ein weißes Badetuch gewickelt aus dem Bad, durchwühlt meinen Kleiderschrank und verteilt etliche Kleidungsstücke kreuz und quer auf dem Bett, während ich duschen gehe.

   Minuten später stehe ich in hellblauen Shorts, einem olivgrünen Tanktop mit dezenter Spitze am Ausschnitt und weißen Sneakers vor dem Spiegel.

   Lin, die sich gefühlt zwanzigmal umgezogen hat, entscheidet sich für das weiße Kleid mit den roten Punkten und schlichte weiße Ballerinas, die sie aus den Tiefen ihrer riesigen Reisetasche hervorholt. Abermals marschiert sie ins Badezimmer, um ihren geflochtenen Zopf im Spiegel zu begutachten. Im Gegensatz zu mir hat sie ein Talent für hinreißende Flecht- und Hochsteckfrisuren. Ich hingegen halte es eher einfach, schnell und unkompliziert. Meistens trage ich meine bis zur Rückenmitte reichenden, dunklen Haare offen oder knote sie locker zusammen. Stundenlang vor dem Spiegel zu stehen, ist nicht mein Ding.

   Während Lin Lipgloss aufträgt, ziehe ich meinen schwarzen Kajal nach und tusche die Wimpern. Wie mit den Haaren halte ich es gleichermaßen mit dem Make-up. Schlicht und natürlich, um es positiv auszudrücken. Damit hebe ich mich stark von den Mädchen in meinem Alter ab, die aussehen, als wären sie in einen Farbtopf gefallen.

   »Mädels, es wird Zeit«, brummt Mike, der ungeduldig an der Zimmertür lehnt. »Ich würde gerne vor unseren Gästen unten sein.«

   »Fertig!«, rufen wir wie aus einem Mund.

   Schnell stecke ich noch den gefälschten Ausweis ein, den meine Brüder mir für den Fall besorgt haben, dass ich kontrolliert werde. Laut herumalbernd folgen wir Mike schließlich nach unten.

   Trotz der Sturmwarnung und dem unerwartet hohen Andrang verläuft der Abend gut. Innerhalb kürzester Zeit haben wir uns aufeinander eingespielt: Mike mixt Cocktails, Lin und ich kümmern uns um die anderen Getränke und Granny übernimmt die Zubereitung kleiner Snacks.

   »Verdammter Idiot! Muss er unbedingt heute hier aufkreuzen«, höre ich Lin hinter mir fluchen. Angespannt starrt sie Richtung Eingangstür.

   Es dauert keine Minute, bis auch ich ihn entdecke: Rafael, der gerade zur Tür hereinkommt und sich suchend umsieht.

   Seinen feuchten, dunkelblonden Haaren nach zu urteilen regnet es draußen.

   Unbewusst trete ich einen Schritt zur Seite, um mich hinter der Säule des Zapfhahns zu verstecken. Nicht meine einfallsreichste Idee, da dieser nicht einmal annähernd halb so breit ist wie ich. Trotzdem hoffe ich, dass er mich nicht entdeckt hat.

   Plötzlich spuckt der Zapfhahn ein Gemisch aus Luft und Bier aus. Ich stelle das halbvolle Glas vor mir auf dem Abtropfgitter ab, sage Lin, dass ich die Fässer wechseln gehe, und nutze die Chance zu flüchten.

   In der Hoffnung, dass Rafael mich nicht sieht, quetsche ich mich zügig durch die feiernde Menschenmenge und verschwinde hinter dem schweren Vorhang, der die dahinter befindlichen Kühl- und Lagerräume von dem Gastraum des Pubs trennt.

   Einen kurzen Augenblick halte ich inne und horche, ob er mir gefolgt ist. Nichts. Erleichterung macht sich in mir breit, doch der Gedanke, dass ich mich nicht ewig hier hinten verstecken kann, verdrängt die soeben gewonnene Erleichterung schlagartig. Ich hole tief Luft. Warte aber einen Moment, bevor ich langsam wieder ausatme.

   Okay, Mia. Du schaffst das. Bleib ruhig und verhalte dich wie immer. So schwer kann das doch nicht sein. Verdammt, verdammt, verdammt! Ich stoße einen langen Seufzer aus.

   Natürlich war ich mir darüber im Klaren, dass es im Fall einer Trennung nicht einfach wird. Zumal er mit meinen Brüdern zusammenarbeitet, was mich nicht davon abgehalten hat, mich auf ihn einzulassen. Jetzt fühlt es sich schrecklich an. Vor allem der Gedanke an die bevorstehende Trennung.

   Lin gehört zu den wenigen Menschen, die von uns wissen. Mit ihr kann ich über alles reden, denn ich vertraue meiner besten Freundin zu zweihundert Prozent. Chris hat zufällig eines unserer Gespräche gehört. Was nicht schlimm ist, da er Geheimnisse für sich behalten kann, allerdings nerven seine Kommentare. Außer den beiden weiß es niemand. Und das ist gut so.

   Zügig gehe ich den schmalen Gang entlang. Komme jedoch nicht weit, weil ich unerwartet am Oberarm gepackt werde, herumwirble und gegen einen muskulösen Oberkörper pralle.

   »Wir müssen reden!« Rafaels graue Augen sehen mich eindringlich an. Komplett in Schwarz gekleidet, was ihm normalerweise steht, ihn in diesem Moment jedoch bedrohlich aussehen lässt, steht er dicht vor mir.

   »Ich habe dir nichts zu sagen«, erwidere ich kühl und versuche mich aus seinem Griff zu befreien.

   »Ich dir aber. Gib mir fünf Minuten, um es zu erklären«, knurrt er mich an.

   »Erklären?«, entfährt es mir lautstark. »Eure Darbietung auf der Party war mehr als deutlich.« Mit aller Kraft versuche ich mich aus seinem Griff zu lösen, doch alles, was ich damit erreiche, ist, dass er fester zupackt.

   »Hör mir zu. Es ist wirklich …«

   »Es ist was? Nicht das, wonach es aussah? Nicht das, was ich denke? Spar dir deine Erklärung und lass mich in Ruhe!«

   Sein nach Whiskey stinkender Atem wirft mich fast um. Hier angetrunken aufzukreuzen … Was denkt er sich dabei? Glaubt er, dass ich in diesem Zustand mit ihm über seinen Fehltritt reden werde? Bestimmt nicht! Davon abgesehen hält er sich nicht an unsere Abmachung. Es ist auch so schwer genug, ihn fast täglich zu sehen. »Du hättest nicht kommen sollen«, sage ich kaum hörbar und schlucke den Kloß in meinem Hals runter. Mein Blick wandert über seinen Oberkörper zu Boden und ich kneife die Augen zusammen. Jetzt nicht in Tränen auszubrechen, kostet mich einiges an Kraft. Schluss damit!, ermahne ich mich selbst. Hier wird nicht geheult! Nicht heute. Das habe ich das letzte Mal am Grab meiner Eltern getan und ich werde nicht ausgerechnet jetzt wieder in Tränen ausbrechen. Ganz bestimmt nicht vor ihm!

   Rafael lässt meinen Arm los, drückt mich aber im gleichen Zug gegen die Wand.

   Autsch! Ich beiße die Zähne zusammen.

   Zornig sieht er auf mich herab. Nun wird auch er lauter. »Verdammt noch mal, Mia«, flucht er. »Ich versuche doch nur …«

   »Lass sie los! Sofort!« Eine raue, selbstbewusste Stimme unterbricht ihn, ehe er dazu kommt, das auszusprechen, was ich momentan nicht hören will.

   Ein Typ, dessen Haar nass und vom Wind zerzaust ist, taucht überraschend neben uns auf.

   »Verschwinde! Das geht dich nichts an«, faucht Rafael.

   Sichtlich unbeeindruckt verpasst der Fremde ihm einen leichten Stoß und stellt sich zwischen uns. Dabei fällt mir auf, wie groß er ist. Bestimmt so groß wie Adam, mindestens ein Meter fünfundachtzig, vielleicht auch größer. Ich reiche ihm gerade mal bis zum Kinn.

   »Du solltest jetzt gehen«, sagt er ruhig, aber bestimmt.

   Rafael ballt seine Hände zu Fäusten und baut sich vor ihm auf. Die Lage spitzt sich zu.

   Ich stehe hinter meinem fremden Beschützer, der nebenbei bemerkt unglaublich gut riecht, und habe keine Ahnung, was ich tun soll. Wegrennen wäre eine Möglichkeit, dazwischen gehen eine andere. Allerdings erscheint mir beides nicht sonderlich klug.

   Glücklicherweise kommt in dem Moment Mike und reißt die beiden auseinander, bevor die Situation außer Kontrolle gerät. »Wenn ihr ein Problem habt, klärt das vor der Tür. Wir können hier keinen Ärger gebrauchen!«

   Es dauert einen Moment, bis die beiden die Blicke lösen und reagieren. Nur widerwillig lassen sie voneinander ab, aber keiner macht Anstalten, sich fortzubewegen.

   Mike packt Rafael kurzerhand an der Schulter und schiebt ihn vor sich her zurück in den Pub.

   Erst nachdem sie außer Sichtweite sind, normalisiert sich mein Puls wieder. Das war knapp. Um ein Haar wäre die Lage eskaliert. Ausgerechnet an unserem Eröffnungsabend. Ich sehe die Schlagzeile bereits vor mir: Eröffnungsfeier artet in Keilerei aus. Was hat Rafael sich nur dabei gedacht? Er weiß doch, wie wichtig der Abend für uns ist. Eine Schlägerei ist das Letzte, was wir heute gebrauchen können.

   Der Unbekannte dreht sich zu mir um.

   Schätzungsweise ist er mindestens so alt wie Chris. Neunzehn, nicht jünger. Eher älter. Womöglich Anfang zwanzig. Als er mich ansieht, beginnt mein Herz wieder wie wild zu schlagen.

   »Alles in Ordnung?«

   Ich öffne den Mund, will ihm antworten, schließe ihn aber sofort wieder. Bei seinem Anblick setzt mein Gehirn kurzzeitig aus. Pechschwarzes Haar, dunkelgrüne Augen und Dreitagebart. Er gleicht einem dieser Klischees aus unzähligen Romanen. Dass dieser Typ Mensch im realen Leben herumspaziert, hätte ich nicht für möglich gehalten. Geschweige denn, dass ich ihm begegne.

   Fast schon besorgt mustert er mich von Kopf bis Fuß.

   Unfähig, ihm zu antworten, starre ich ihn weiter an.

   Sein Blick wandert wieder an mir hinab und bleibt an meinem geröteten Oberarm haften.

   Geistesgegenwärtig reibe ich mir die schmerzende Stelle und stammle schließlich etwas wie »Ja … Ähm … Alles bestens« vor mich hin. Nicht einfallsreich, aber immerhin habe ich ihm geantwortet, ohne etwas Dummes zu sagen.

   Zeitgleich fällt mir das Bier wieder ein. Ich schiebe mich an ihm vorbei und gehe weiter.

   Dass ich mein Gegenüber eiskalt stehengelassen habe, wird mir erst im Kühlraum bewusst. Egal. Er wird es verkraften.

   Flink drehe ich die Ventile ab und stelle das leere Fass zur Seite, so wie Mike es mir heute früh gezeigt hat. Allerdings habe ich so meine Probleme mit dem vollen Fass. Ruckartig ziehe ich daran, stolpere über einen flachen Absatz am Boden und lande neben dem Fremden, der wieder unerwartet hinter mir auftaucht, auf dem Hintern.

   Das Fass kippt und fällt ihm beinahe auf die Füße.

   Wie peinlich. Ich bin so ein Tollpatsch.

   Amüsiert hilft er mir auf, stellt das Fass an den vorgesehenen Platz und schließt es an. Offenbar kennt er sich damit aus. Sekunden später fließt der Hopfensaft wieder und ich bedanke mich bei ihm.

   »Keine Ursache … « Er stockt.

   »Mia.« So schnell werfe ich mein Vorhaben, in nächster Zeit keine Jungs kennenzulernen, über den Haufen.

   »Ryan«, stellt er sich knapp vor.

   Im selben Augenblick betritt Mike den Raum und bittet mich, Lin zu helfen, die mit Bestellungen überrannt wird. Diesmal vergesse ich nicht, mich zu verabschieden. »Danke noch mal und … Vorsicht vor fallenden Fässern.« Kaum habe ich das gesagt, flüchte ich, weil der letzte Teil nicht nur überflüssig war, sondern noch peinlicher als meine Bruchlandung. Vorsicht vor fallenden Fässern. Jetzt fühle ich mich wie Frances Houseman aus Dirty Dancing, nachdem sie die Wassermelone getragen hat.

   Innerhalb kürzester Zeit arbeiten Lin und ich die Bestellungen ab. Ich bin froh, dass sie mich nicht ausfragt, und genieße die kurze Pause, die uns die Gäste gönnen. Doch die Ruhe hält nicht lange.

   »Kannst du mir erklären, was das eben war?«, fragt Mike angesäuert.

   »Wovon redest du?«

   »Verkauf mich nicht für blöd, Mia. Du weißt genau, wovon ich rede.«

   »Das war nichts«, antworte ich so lässig wie möglich.

   »Es sah aber nicht nach nichts aus.«

   »Na schön. Wenn du es genau wissen willst … Rafael hat einen über den Durst getrunken und ist ausfallend geworden«, antworte ich genervt von seiner Neugier.

   »Für wie doof hältst du mich eigentlich? Rafael gehört nicht zu der Sorte, die ausfallend oder handgreiflich wird, nur weil er zu viel getrunken hat.«

   Es ist nicht einfach, vor Mike etwas zu verheimlichen, denn er ist ein ausgezeichneter Beobachter. Hat er den Braten erst einmal gerochen, gibt es kein Halten mehr. Dass Rafael und ich unsere Beziehung über Monate vor ihm und allen anderen geheim halten konnten, ist äußerst verwunderlich. Zumal Mike in den letzten Wochen mehr Zeit mit Rafael verbracht hat als ich. Entweder ist Rafael ein besserer Schauspieler, als ich dachte, oder ich habe ihm nichts bedeutet.

   »Wie lange läuft das schon zwischen euch beiden?«

   »Es läuft nichts zwischen uns! – Nicht mehr …«, gebe ich kleinlaut zu.

   Fassungslos schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. »Herrgott noch mal! Es gibt nur eine Regel. Nur eine verdammte Regel«, murmelt er und fährt sich mit der Hand durch seine gegelten Haare.

   Wovon redet er? Welche Regel?

   »Was soll das heißen?«, mischt sich Lin neugierig ein, die unseren kleinen Disput mit einem Ohr belauscht hat.

   »Adam stellt in seinem Team nicht viele Regeln auf. Genau genommen gibt es überhaupt keine Regeln. Bis auf eine …«

   »Und die lautet?«, löchert Lin ihn weiter.

   »Mia ist tabu.«

   Es dauert einen Moment, bis das bei mir ankommt.

   »Was? Nicht dein Ernst!«, kreischt Lin. Vermutlich ziehe ich gerade ein genauso empörtes Gesicht wie Lin.

   »Wer im Team ist, hat die Finger von ihr zu lassen. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus. So einfach ist das.«

   Zwar ist Adam einer der Hauptgründe, weshalb wir unsere Beziehung geheim gehalten haben, jedoch hat Rafael mir gegenüber nie etwas von dieser Regel erwähnt. Aber wenn es um Jungs geht, kann mein großer Bruder sehr ungemütlich werden. Und wenn ich ungemütlich sage, dann meine ich das auch so, obwohl das stark untertrieben ist. Ich erinnere mich gut daran, wie er Devin, einem ehemaligen Klassenkameraden, kurz vor einem Schulfest gegorenen Apfelsaft angedreht hat, nur um zu verhindern, dass wir zusammen hingehen. Der arme Kerl verbrachte zwei Tage auf der Kloschüssel. Dass nach Adams Meinung kein männliches Wesen auch nur ansatzweise gut genug für mich ist, versteht sich von selbst.

   Eigentlich ist das Verhältnis zwischen Rafael und ihm richtig gut. Was sich schlagartig ändern würde, sobald Adam Wind von uns bekäme.

   »Gefühle halten sich nun mal nicht an Regeln«, verteidige ich mich.

   »Stimmt. Außerdem hat er sich gegen Mia und für seinen Job entschieden«, fügt Lin eifrig hinzu. 

   »Lin wusste davon?«, fragt er entrüstet.

    Anstatt ihm zu antworten, zucke ich nur mit den Schultern.

   »Wie lange geht das schon so?«

   »Ging!«, korrigiert Lin ihn.

   Mike sieht mich erbost an. Lin hingegen ignoriert er.

   »Eine Weile«, antworte ich nach längerem Warten.

   »Geht es etwas genauer?«

   »Nein, tut es nicht! Mit wem ich zusammen bin oder nicht, geht niemand etwas an. Adam und dich eingeschlossen.« Mein schnippischer Tonfall überrascht mich selbst. Nur gut, dass unsere Gäste in ihre Gespräche vertieft sind und von unserer Diskussion nichts mitbekommen.

   »Wir werden sehen, was Adam dazu sagt.« Er macht auf dem Absatz kehrt und stürmt durch die Küche ins Wohnhaus.

   Warum ist er auf einmal so wütend?

   »Das wirst du nicht. Mike!« Ich will ihm hinterherlaufen, stoße aber mit Chris zusammen, der im selben Moment um die Ecke kommt.

   Er bemerkt sofort, dass etwas nicht stimmt. »Was ist los?«, fragt er besorgt.

   Wie ein Wasserfall sprudeln die Worte ungebremst aus mir heraus. »Mike hat es herausgefunden und will Adam alles erzählen. Er wird ihn aus dem Team werfen. Und mir lebenslänglichen Hausarrest aufbrummen. Das ist alles meine Schuld. Hätte ich von dieser blöden Regel gewusst, dann …«

   »Wäre es vermutlich trotzdem so gekommen«, unterbricht er meinen Redeschwall. »Keine Panik. Rafael wusste, worauf er sich einlässt. Du gehst jetzt wieder da raus und kümmerst dich um die Gäste. Und ich kümmere mich um Mike.«

 

 

Ryan

 

Auf der Rückfahrt ins Quartier muss ich immer wieder an das charmante Mädchen aus dem Pub denken. Aus irgendeinem Grund bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf. Falsch! Nicht aus irgendeinem Grund. Denn den kenne ich ganz genau. Anstelle mich anzuschmachten oder mich anzugraben, wie es für gewöhnlich jede Frau tut, die mir über den Weg läuft, ließ sie mich eiskalt stehen. Und genau das ist er, der Grund, warum ich in der letzten halben Stunde immer wieder an die zarten Gesichtszüge und die wunderschönen rehbraunen Augen denken muss.

   Ich Idiot bin gegangen, ohne nach ihrer Nummer zu fragen. Dafür könnte ich mich ohrfeigen. Fuck! Wenigstens kenne ich ihren Namen.

   Mit voller Wucht schlage ich gegen das Lenkrad.

   Und ich weiß, wo sie arbeitet.

   Wieder donnert meine Faust auf das Steuer.

   Meinen Ärger verstehe ich selbst nicht. Frauen reizen mich nicht im Geringsten und wenn, dann nur so lange, bis ich sie im Bett habe. Was für gewöhnlich weder lange dauert noch großen Aufwand erfordert. Genau genommen überhaupt keinen. Ich bin es gewohnt, dass die Damen Schlange stehen. Und so schnell, wie sie in mein Leben treten, gehen sie auch wieder. Denn mehr als eine schnelle Nummer ist nicht drin. Gibst du ihnen das Gefühl, interessiert zu sein, wirst du sie nicht mehr los. Dann haften sie an dir wie eine lästige Klette an deiner Kleidung.

   Mia ist anders. Das war mir nach den ersten Sekunden klar. Nicht einmal ein Hauch von Interesse war vorhanden. Was vermutlich der vorhergehenden Situation verschuldet war.

   Ich hätte dem Typen gleich die Fresse polieren sollen – so geht man mit Frauen nicht um. Und ich hätte sie verdammt noch mal nach ihrer Nummer fragen sollen. Die sie mir nach der Auseinandersetzung mit diesem wild gewordenen Rhinozeros bestimmt gegeben hätte.

   Wieder werfe ich einen Blick auf das Lenkrad. Wie viele Schläge wohl nötig sind, um den Airbag auszulösen? Es müssen einige sein. Möglicherweise fehlt es an Härte. Wie dem auch sei, ich muss Mia unbedingt aus meinem Kopf bekommen, bevor sie mich noch um meinen Verstand und meinen Job bringt, der im Gegensatz zu den Frauen definitiv der beständigere Teil in meinem Leben ist. Mir momentan aber auch alles abverlangt.

   Trotzdem, die Kleine hat Mumm, sich einem Kerl zu stellen, der ihr deutlich überlegen ist.

   Den Rest der Fahrt grübele ich über die zunehmenden Reibereien zwischen den einzelnen Quartieren der Organisation nach. Zuletzt wurden die Grenzen der Gebiete zwischen den beiden in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirgsmassiven, Oregon Coast Range und der Kaskadenkette, klar definiert. Doch in letzter Zeit greifen wir immer wieder Männer aus den Quartieren von Eugene, Salem und Gresham auf, die ihre Geschäfte in unserem Territorium abwickeln. Wenn durchsickert, dass sich unsere eigenen Leute gegeneinander auflehnen, haben die gegnerischen Banden einen erheblichen Vorteil und können schnell gefährlich für uns werden.

   Momentan ist es ruhig, es gab schon länger keine nennenswerten Auseinandersetzungen mehr, doch das könnte sich rasch ändern, sollten die anderen Banden, die uns zahlentechnisch unterlegen sind, von den inneren Ungereimtheiten Wind bekommen.

   Zu den Einnahmequellen unseres Quartiers in Portland gehören unter anderem Schutzgelderpressung und illegaler Waffenhandel. Überfälle und Auftragsmorde sind äußerst selten Bestandteile unserer Aufträge. Was unser Quartier keineswegs besser dastehen lässt als die übrigen. Ich will nicht behaupten, dass wir zu den Guten gehören, denn das tun wir nicht. Keiner von uns. Jedoch gibt es deutliche Unterschiede, was die Brutalität angeht.

   Auf dem U.S. Highway 26 fahre ich weiter westwärts Richtung Portland und lasse die Gedanken an das Mädchen sowie die kleine Gemeinde Government Camp, am Fuße des Mount Hood, hinter mir...

Auszug aus dem Roman 'Remember - Nichts bleibt vergessen '. Veröffentlichung 21. Mai 2021.

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