Jedes Ende birgt einen Neubeginn. Für
was du ihn nutzt, bleibt dir überlassen.

REMEMBER - Die Erinnerung bleibt

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Die Sehnsucht unserer Herzen

Wie wappnest du dich für den Tod eines geliebten Menschen?

Amelia ist fassungslos. Rory wird sterben, doch niemand außer ihr weiß es. Um ihrem Bruder in den letzten Wochen nah zu sein, stimmt sie zu, gemeinsam mit seiner Verlobten und seinem besten Freund, Liam, einen Roadtrip durch Schottland zu machen. Liam mit den rauchblauen Augen, der Mann, den sie vor langer Zeit aus ihrem Herzen gerissen hat. Denn sie hat sich geschworen, ihn nie wieder so nahe an sich heranzulassen, dass er ihr dieses abermals brechen könnte. Doch dann ist es ausgerechnet Liam, der Amelia in der schweren Zeit Halt gibt.

Gemeinsam setzen die beiden alles daran, die noch verbleibende Zeit ihres Bruders zu der wundervollsten seines Lebens zu machen.

Ein turbulentes und dramatisches Gefühlschaos zwischen Vernunft und Liebe, Lachen und Weinen inmitten der majestätischen Natur Schottlands.

Details

 

Erscheinungstermin: 29. September 2022

Seiten: 288

Formate:
eBook
Taschenbuch

Reihe: 

Nein

Genre: Liebesroman

Erhältlich bei

 

E-Book
Amazon – Kindle Unlimited (eBook leihbar)

 

Taschenbuch
Amazon

Thalia

Osiander

Hugendubel

uvm.

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LESEPROBE

Auszug aus dem Roman


Die Sehnsucht unserer Herzen
von Romy Terrell

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Vor über einem Jahr traten wir eine Reise an. »Der Trip meines Lebens« hast du sie genannt. Ein Roadtrip, den du dir gewünscht hattest. Ein Abenteuer, das uns an all die wunderbaren gemeinsamen Momente erinnern sollte. Eine Reise, die uns zusammenschweißt, uns einander näherbringt. Miteinander verbindet. Eine Zeit, die uns in Erinnerung bleiben sollte – und das tat sie. Nur nicht so, wie du es dir gewünscht hättest.

   Nicht für uns.

   Nicht für dich.

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Liam

»Du hast meinen Urlaubsantrag allen Ernstes abgelehnt!« Stinksauer platze ich in das Büro meines Vaters, der hektisch sein Telefonat beendet, und knalle ihm das Formular auf die schwarze Platte seines massiven Schreibtischs.

   »Der McKenzie-Fall hat oberste Priorität! Euer Ausflug kann warten«, erwidert er kalt, erhebt sich aus dem bequemen Chefsessel und rückt gleichgültig seine Krawatte zurecht, als wäre der Grund für diese Reise ohne jegliche Bedeutung.

   Innerlich kämpfe ich um Zurückhaltung. Versuche, diesen auflodernden Zorn unter Kontrolle zu halten, doch es misslingt mir. »Rory stirbt!«, entfährt es mir fassungslos.

   »Tumore lassen sich behandeln.« Ohne mich anzusehen, schließt er die auf dem Tisch liegende Akte und legt sie zur Seite.

   Es ist nicht seine Gefühlskälte, die mich so wütend macht, sondern der kühle und ignorante Unterton in seinen Worten.

   »Dieses verdammte Glioblastom lässt sich nicht behandeln. Rory bleiben nur noch Monate, im schlechtesten Fall wenige Wo…«, sage ich ruhig, um klarzumachen, wie ernst die Lage ist und dass unser Roadtrip nicht aufgeschoben werden kann. Aber mein Vater schneidet mir mitten im Satz das Wort ab.

   »Der McKenzie-Fall …«, beginnt er erneut.

   »Interessiert mich nicht!« Augenblicklich wende ich mich zum Gehen. Es bringt nichts. Mit diesem Egoisten kann man nicht reden. Genauso gut könnte ich eine Betonwand anbrüllen, es hätte denselben Effekt. Der Schall würde an ihr abprallen und keine Gefühlsregung auslösen.

Kaum habe ich die noch offenstehende Bürotür erreicht, fällt der aufgestaute Frust der letzten Tage von mir ab. Mit einem Mal ist in meinem Kopf alles ganz klar und ich tue, was ich längst hätte machen sollen.

   »Wenn du dieses Büro jetzt verlässt, bist du gefeuert!«

   Vaters Drohung hält mich nicht davon ab, entspannt zum Aufzug am anderen Ende des Flures zu gehen und einzusteigen.

   Die Sekretärin am Empfang nickt mir nervös zu.

   Ich drücke den untersten Knopf und kehre der imposanten Spiegelwand, die mir einen Gefangenen seiner selbst vor Augen hält, den Rücken zu.

   »Gefeu...«

   Die mattglänzende Aufzugtür schließt und schneidet das aufgebrachte Gebrüll meines Vaters ab. Ob ich ein schlechtes Gewissen habe? Sicher nicht. Die Firma ist alles, was ihm je wichtig war. Wichtiger als sein Sohn und Ehefrau Nummer vier.

Ich habe nie verstanden, wie Macht, Geld und fremde Menschen wichtiger sein können als die Familie. Das eigene Fleisch und Blut. Doch dieser Mann lebt in einer völlig anderen Welt, geht über Leichen, wie man so schön sagt. Und das nur, um sein Baby, die Kanzlei, zu schützen.

Warum ich diesen Job angenommen und Jura studiert habe? Gute Frage. Vermutlich, weil ich dachte, dass es sich für einen Sohn gehört, das mit Schweiß und Blut aufgebaute Vermächtnis des Vaters erfolgreich weiterzuführen. So, wie es in seinem Sinne ist und wie es mir über zwei Jahrzehnte täglich eingebläut wurde.

   Dabei wollte ich immer Kfz-Mechaniker werden. Mich selbstständig machen und eine eigene Werkstatt eröffnen. Das ist er. Mein unerfüllter Traum.

   Nach der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker habe ich Jura studiert. Parallel dazu habe ich – was mein Vater bis heute nicht weiß – meinen Meister gemacht, um meinem Traum näher zu kommen. Ob das nicht zu anstrengend sei, haben mich meine Freunde damals gefragt. Jedes Mal konnte ich diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn genau dies war der perfekte Ausgleich, weshalb ich das Jurastudium durchstehen konnte. Das und mein verständnisvoller Ausbilder, der mich abends und an den Wochenenden alles gelehrt hat, was ich heute weiß. Ich liebe diese anspruchsvolle Bastelei, das Herumtüfteln und Schrauben und vor allem die Arbeit mit meinen Händen. Davon abgesehen hat man am Ende des Tages vor Augen, was man geschafft hat. Hier, in diesen öden, stickigen Büroräumen, freut man sich höchstens über einen schrumpfenden Aktenstapel, der kurze Zeit später nur wieder höher ist als der zuvor.

   Fahrzeuge waren schon immer meine Leidenschaft, doch mein werter Herr Vater, Englands Staranwalt Nummer eins, ist der Meinung, dass bei so einem Job nichts rumkommt. Außerdem mache man sich nur die Hände schmutzig.

   Noch bevor ich in der Tiefgarage des hochmodernen Gebäudes mitten in Manchester ankomme, entledige ich mich des Strickes um meinen Hals und öffne die beiden obersten Knöpfe des bügelfreien Designerhemdes. Ich hasse Krawatten!

   »An deinem Aussehen messen potenzielle Mandanten binnen Sekunden, ob du zu den Top-Anwälten oder zu den Fußvolk-Arschabwischer-Möchtegern-Verteidigern gehörst.« Diesen Satz bekomme ich jedes Mal zu hören, wenn ich es wage, eines meiner verwaschenen T-Shirts, Destroyed Jeans und ausgelatschte Turnschuhe zu tragen und Maßanzug, auf Hochglanz polierte Lackschuhe und die Rolex im Schrank lasse.

   Im Gegensatz zu meinem geldgeilen Vater lege ich Wert auf Familie und Freunde. Und darum ist es mir egal, ob einer seiner Lakaien den McKenzie-Fall übernimmt, der mir und seiner Kanzlei im Nu ein – noch – höheres Ansehen verschaffen würde, oder ob er mir mit der Kündigung droht.

   Ich steige in meinen über fünfhundert PS starken Mercedes-AMG GT S und pfeffere die Krawatte gefrustet auf die Rückbank.

   Dieser Spritfresser war seine Idee. Mit seinen Fahrzeugen hält mein Vater es wie mit der Kleidung. Auffallend, maßgeschneidert, hochpreisig. Dass diese Karre unfassbare dreizehn Liter Sprit auf schlappe dreiundsechzig Meilen frisst und man prinzipiell einen Tankwagen nebenherfahren lassen müsste, um in einem Rutsch von A nach B zu kommen, nimmt er für die neidischen Blicke seiner Konkurrenten gerne in Kauf.

   Ich starte den Spritfresser, dessen Motor so laut aufheult, als starte eine Boeing 747, und verlasse das Parkhaus. Bis nach Carlisle sind es etwas mehr als zwei Stunden Fahrt. Meine Sachen habe ich schon gestern im Kofferraum verfrachtet, um gleich losfahren zu können.

   Seit Rory mich über seine Diagnose informiert hat, habe ich beschlossen, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Auch die Idee mit dem Roadtrip kam mir gelegen, nicht nur wegen des McKenzie-Falls. Von Beginn an habe ich mich dagegen gewehrt. Doch mein Vater sieht nur die Kohle, die er mit diesem Fall scheffeln kann. Außerdem kann ich ihm schlecht sagen, dass ich erst McKenzies eine Tochter flachgelegt habe und am Abend darauf die andere. Wäre ein nettes Wiedersehen geworden, wenn wir uns im Gerichtssaal begegnet wären.

   Dass mein Vater mir angesichts von Rorys Situation nicht spontan freigibt, war zu erwarten. Trotzdem hätte ich, zumindest nachdem ich ihm erzählt habe, worum es geht, erhofft, dass er mich versteht. Rorys Zeit ist begrenzt und die gilt es zu nutzen, ehe es zu spät ist. Aber was soll man von einem Kerl, der so kaltherzig wie ein Eisbrocken ist, schon groß erwarten? Mein Vater hat keine Freunde. Er hat die Kanzlei. Das einzig Beständige in seinem Leben – außer mir. Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Dafür lebt er. Ich bin schon im Kindesalter nur nebenhergelaufen. Womöglich habe ich deswegen Jura studiert, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass er dann vielleicht stolz auf mich wäre. Dass er mich anerkennt und ich nicht ständig darum kämpfen muss, von ihm gesehen zu werden. So, wie ich mir früher gewünscht habe, dass wir gemeinsam auf den Bolzplatz gehen und uns ein Fußballspiel ansehen oder einen Ausflug machen. Oder dass er mich einfach nur als das wahrnimmt, was ich bin – sein Sohn. Doch das hat er damals nicht getan, heute nicht und vermutlich wird das auch immer so bleiben. Was allerdings nicht so bleiben wird, ist, dass ich weiterhin seine Marionette spiele. Nach Rorys Anruf habe ich mir ununterbrochen Gedanken über mein Leben gemacht. Es ist Zeit, für einen Neubeginn!

   Endlich fahre ich auf die Manchester Outer Ring Road und lasse den Ärger und das im Rückspiegel schrumpfende Manchester hinter mir. Ich freue mich auf zu Hause und auf Susan, meine Mutter. Und im Gegensatz zu meinem Vater weiß ich, dass sie sich auch freut, mich zu sehen.

Amelia

Überglücklich hüpfe ich die letzten Stufen des imposanten Collegebaus mit seinen Tannenspitzen-ähnlichen Türmen hinunter. Eine sommerliche Brise weht mir durchs rostrote Haar, lässt die stufigen Haarspitzen im Wind tanzen und kitzelt die nackte Haut meines Rückens.

   Ich muss mich beeilen, Rory wartet sicherlich schon auf mich. Die Verabschiedung von Chloe, Ruby und Archie hat heute etwas länger gedauert. Seit unserem Abschluss an der University of Oxford treffen wir uns einmal im Jahr, lassen unser gemeinsames Studium Revue passieren und schwelgen in Erinnerungen. Nun wird es ein ganzes Jahr dauern, bis ich Chloe und Archie wiedersehe. Mit Ruby bin ich täglich in Kontakt. Meist über Skype, denn seit sie zu ihrem zukünftigen Mann nach Leeds gezogen ist, trennen uns dreieinhalb Stunden Autofahrt. Was unserer Zusammenarbeit und meiner Marketingagentur in keiner Weise schadet. Denn arbeiten können wir von überall aus.

   Ich mache mich auf den Heimweg, verlasse das Campusgelände und gehe neben dem dürftigen Grünstreifen entlang, als sich Rorys klappriger Nissan in mein Sichtfeld drängt und mir meine Unbekümmertheit entreißt.

   Die Arme vor der Brust verschränkt lehnt er lässig neben der weit offenstehenden Beifahrertür, aus der mir Caitlin aufgeregt mit einem breiten Lächeln und glänzenden Augen zuwinkt.

   »Bereit für den Trip deines Lebens?«, ruft er mir grinsend entgegen, obwohl ich mehrere Schritte von den beiden entfernt bin.

   Ein kaum merkliches Zittern durchfährt meinen Körper und ich habe große Mühe, den aufsteigenden Groll wieder hinunterzuschlucken. Höllentrip wäre die passendere Bezeichnung. Denn womöglich wird es unsere letzte gemeinsame Reise sein. Doch mein knapp vier Jahre älterer Bruder sieht das anders. Beinahe so, als würde es noch viele weitere Urlaube geben.

   Vor wenigen Wochen hat er die Diagnose Glioblastom erhalten. Die Ärzte erklärten, dass dies ein bösartiger Hirntumor sei, der sich meistens innerhalb kurzer Zeit bei Menschen im mittleren Lebensalter entwickelt. Nicht nur die Diagnose, sondern auch die Tatsache, dass Rory erst neunundzwanzig und somit nicht im mittleren Lebensalter ist, hat uns beiden nicht nur den Boden unter den Füßen entrissen, sondern sprichwörtlich einen Schlag mit der Keule verpasst.

   »Ausnahmen bestätigen die Regel«, hatte Rory den Fakt, dass er noch nicht im mittleren Lebensalter ist abgetan, als würde es hier nicht um sein Leben, sondern um irgendeine belanglose Sache gehen.

   Trotz intensiver Behandlung aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie bestehe eine mittlere Lebenserwartung von ungefähr fünfzehn Monaten. Das habe ich erst gestern wieder gelesen. Ein weiterer, jämmerlicher Versuch, eine Möglichkeit zur Heilung zu finden. Eine Heilung, die es nicht gibt.

   Im besten Fall werden wir etwas mehr als ein Jahr zusammen haben. So sieht die Prognose der Lebenserwartung aus, wenn man einer Behandlung zustimmt. Nur knapp zehn Prozent der Patienten überleben nach einer Therapie die darauffolgenden fünf Jahre nach der Diagnose. Allerdings hat Rory sich dagegen entschieden. Ihm ist es wichtiger, die verbleibende Zeit mit Caitlin, seiner Freundin, seinem besten Freund Liam und mir zu verbringen, anstatt sich, um es mit seinen Worten zu sagen, das Hirn aufbohren zu lassen.

   Zuerst kam der zerstörende Stoß der Ernüchterung, dann die Tränen und anschließend das schlechte Gewissen, weil ich heulend vor ihm stand und er derjenige war, der mich tröstend im Arm hielt. Rory, dessen Leben aufgrund seiner Entscheidung an den dreihundertfünfundsechzig Tagen unseres übergroßen Wandkalenders abzählbar ist. Ohne Operation und ärztliche Versorgung beträgt die mittlere Lebenserwartung etwa drei Monate.

   Dann hat er mir seinen letzten Wunsch genannt, und das Versprechen abgeluchst, diese Sache mit ihm durchzuziehen. Ohne Tränen. Ohne an die Zukunft zu denken. Ich musste ihm mein Wort geben, dass dieser Trip so wird, als hätte er noch Jahre zu leben. Nur eines ist schlimmer – ich darf niemandem davon erzählen. Wie so oft in den letzten Tagen und Wochen frage ich mich, wie ich das Ganze in den kommenden Tagen durchstehen soll. Wie wappnet man sich für den Tod eines geliebten Menschen? Wie damit umgehen? Oder gar, gewohnt weitermachen, wenn nichts jemals wieder so sein wird?

   Zu wissen, dass mein großer Bruder stirbt, und nicht darüber zu sprechen, genau das wird in den nächsten drei Wochen die größte Herausforderung für mich werden. Allerdings möchte ich ihm diesen Gefallen tun. Wer weiß, womöglich ist es der letzte.

   Schon früher hat er davon geträumt, irgendwann wieder in unser Heimatland Schottland zu reisen. Doch nicht nur das. Jahr für Jahr verbrachten wir die Sommer bei Tante Rosie in Balnakeil. Doch seit Mum vor fünf Jahren an Lungenkrebs starb, waren wir nur einmal dort. Irgendwie kam immer etwas dazwischen. Das war zwar in den Jahren zuvor nicht anders, doch Mum hielt eisern an dieser Tradition fest. Ganz gleich, was anstand. Diese paar Tage waren für uns und Balnakeil reserviert. Für Rory und mich ist Balnakeil nicht nur das verlassene Geisterdorf mit verfallenden Steinhäusern im hohen Norden Schottlands, dessen Bewohner entweder ausgewandert oder nicht mehr am Leben sind, wie es in unzähligen Reiseführern beschrieben steht. Sondern ein Ort der Freude, des Ausgleichs, der Neuanfänge. Zumindest war er das. So, wie er es vor Jahren für Mum war. Ein Ort des Heimkehrens oder mit anderen Worten: ein Zuhause, das mir und meiner Familie in den schweren Zeiten den nötigen Halt gab.

   Ich erinnere mich noch gut an einen unserer Besuche bei Tante Rosie. Rory war erst elf Jahre, aber für ihn stand fest, dass er dort eines Tages leben wird. In einem Haus am Meer zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Im vergangenen Jahr starb Tante Rosie und weil sie selbst keine Nachkommen hat, vermachte sie uns ihr gesamtes Hab und Gut. Darunter auch das alte Gutshaus und den angrenzenden Golfplatz, der sich trotz seiner Abgelegenheit immer an zahlreichen Besuchern erfreut. Zumindest war es bisher so. Denn seit Tantes Tod liegt er brach. Dies ist auch der Grund, warum Balnakeil auf Rorys Route liegt. Die wir selbstverständlich mit dem alten VW Bulli von Liam abfahren werden. Denn der gehört laut Rory zu einem echten Roadtrip dazu. Rory ist ein Organisator. Er plant alles. Überlässt nichts dem Zufall und so hat er auch diesen Trip bis ins kleinste Detail geplant.

   »Bereit?«, frage ich, als ich vor ihm am Auto ankomme, und presse ein Lächeln hervor.

Gentlemanlike hält er mir die Tür auf und ich klettere auf die mit Reisetaschen beladene Rückbank.

   Wir fahren direkt nach Carlisle, um Liam einzusammeln und von dort aus weiter nach Edinburgh zu fahren.

   Liam O’Brien und mein Bruder sind zusammen zur Schule gegangen. Caitlin Locklear, mit der Rory seit der Highschool zusammen ist, war einen Jahrgang unter ihnen. Mittlerweile ist sie für mich wie die große Schwester, die ich nie hatte. Was vermutlich auch an Caitlins, Rorys und meiner Wohngemeinschaft liegt.

   Caitlin kommt aus einer wohlhabenden Familie, die seit Generationen erfolgreich eine Hotelkette führt. Nach dem Abschluss ihres Studiums des Hotel- und Eventmanagements hat Caitlin die Leitung eines der Hotels ihrer Eltern in der Nähe von Oxford übernommen.

   Auf der knapp fünfstündigen Fahrt habe ich ausreichend Zeit, um die letzten E-Mails abzuarbeiten und Anfragen an Ruby weiterzuleiten. Caitlin inspiziert unterdessen die Schottlandkarte, auf der bereits einige Reiseziele und Ausflugsmöglichkeiten markiert sind, und sucht nach weiteren Ausflugszielen, die auf unserer Route liegen. Die Idee, eine Straßenkarte in Papierform mitzunehmen, kam von mir. Von unseren Sommern in Schottland weiß ich, dass man oftmals keinen Empfang hat, wenn man ihn gerade braucht. Oder der Akku ist mal wieder leer und man steht irgendwo in der Pampa.

   Entspannt lehne ich mich zurück, ziehe mein Smartphone hervor und aktiviere meine Abwesenheitsnotiz und die Weiterleitung meiner Mails. Bis wir zurück sind, wird Ruby mich vertreten. Wieder bin ich froh, sie im Team zu haben. Sie macht einen Bombenjob und ich kann mich zu zweihundert Prozent auf sie verlassen. Darum wird es mir diesmal auch um einiges leichter fallen, nicht alles zu kontrollieren und meinen Laptop zu Hause zu lassen.


Als wir in Carlisle beim prachtvollen Anwesen der O’Briens ankommen, dämmert es bereits. Obwohl Susan, Liams Mum, mehrere Bedienstete hat, lässt sie es sich nicht entgehen, uns persönlich in Empfang zu nehmen. Sie begrüßt uns mit einer langen Umarmung und führt uns anschließend durch den gigantischen Eingangsbereich und das Wohnzimmer auf die Terrasse hinter dem Haus.

   »Sieh mal einer an. Der Wallace-Clan hat es auch endlich geschafft!« Eine Stimme grölt lachend über die ausladende Terrasse.

   »Der Nissan hatte ganz schön zu kämpfen.« Strahlend begrüße ich Susans Lebensgefährten Harry mit einer kurzen Umarmung.

   »Dass die alte Rostlaube überhaupt noch eine Zulassung bekommen hat.«

   »Immerhin ist meine Wenigkeit im Besitz eines fahrbaren Untersatzes«, höhnt Rory, der seinem uralten Nissan ewige Treue geschworen hat und ihn so lange fahren wird, bis er in seine Einzelteile zerfällt.

   Harry ist bekennender Fahrradfahrer und nutzt Susanns Auto nur, wenn es nicht anders geht. Sein eigenes hat er vor Kurzem verkauft, weil es ohnehin nur herumsteht, Platz in der Garage wegnimmt und verstaubt – Zitat Harry.

   »Wo ist Liam?«, fragt Rory und sieht sich suchend um.

   »Bastelt an der Blechbüchse herum. Gab irgendein Problem mit einem Kolben-Dingens.«

   »Kolben-Dingens«, wiederholt Rory Harrys Worte, grinst und wir machen uns gemeinsam auf den Weg dorthin.

   Früher haben Rory und Liam oft zusammen an Rorys Nissan oder den Autos der Nachbarn herumgebastelt. Das war, bevor wir nach Oxford zogen, jeder sein Studium begann und wir uns nicht mehr täglich sahen.

   In dem Augenblick, als wir die geräumige Doppelgarage betreten, fällt ein Teil scheppernd zu Boden. Kurz darauf tritt ein ölverschmierter Liam im Blaumann unter dem Bulli hervor, der auf der Hebebühne aufgebockt ist.

   »Wie sieht’s aus?« Rory begrüßt ihn und sieht sich den an einem Lastenkran hängenden Motor an.

   Liam nickt Caitlin und mir mit einem knappen »Hey« zu, wobei sein Blick Sekunden länger auf mir ruht, dann wendet er sich wieder Rory zu. »Das Ersatzteil wurde vor einer Stunde geliefert, aber der Austausch wird einige Stunden in Anspruch nehmen. Ich befürchte, wir können erst morgen losfahren.«

   »Wenn Susan nichts gegen zusätzliche Gäste hat«, feixt Rory, der trotz seiner perfekten Planung kein Problem mit dieser kurzfristigen Änderung hat.

   »Du kennst sie doch. Sie freut sich immer über euren Besuch und hat die Gästezimmer längst vorbereiten lassen.«

   Erst als Liam mir einen flüchtigen Blick zuwirft, fällt mir auf, dass ich ihn noch immer anstarre. Sein dunkelblondes Haar fällt ihm locker in die Stirn. Er trägt es kürzer als vor zwei Jahren, als wir uns zuletzt gesehen haben. Damals sah er mit seinen schulterlangen Haaren aus wie Kurt Cobain. Doch die kürzeren Haare stehen ihm viel besser.

   Unwohlsein breitet sich in mir aus. Plötzlich habe ich das Gefühl, erdrückt zu werden, und gehe nach draußen. Wie soll ich es die nächsten Tage nur mit ihm aushalten? Liam und ich auf einem Roadtrip mit Caitlin und Rory, eingepfercht in einem Bulli. Cool bleiben, Amelia, du musst dich zusammenreißen. Tu es Rory zuliebe. Immerhin sind es nur ein paar Tage, so schlimm kann es nicht werden. Sagte ich ein paar Tage? Es sind drei Wochen. Drei verdammte Wochen! Ich kann das nicht. Ich kann das nicht, ich kann das nicht!

   »Alles in Ordnung?«, höre ich Caitlin besorgt hinter mir fragen.

   »Alles bestens.« Schnell lächele ich, um meine Schwindelei zu verbergen.

   »Ich dachte nur …«

   »Wegen ihm?« Ich vermeide es bewusst, seinen Namen auszusprechen, und halte ihrem prüfenden Blick eisern stand. »Das ist längst vergessen«, füge ich betont gelassen hinzu, nehme das ausgeleierte Haargummi vom Handgelenk und binde meine Haare zu einem lockeren Knoten zusammen.

   »Ist es das?«, hakt sie liebevoll nach.

   Jetzt ärgere ich mich, dass ich ihr bei einem unserer Mädels-Abende von dieser Sache erzählt habe.

   »Komm schon, Amelia. Liam hat dich geküsst und war dann mit Ava zusammen.«

   Ihre Worte bohren sich in mein Herz wie die scharfkantige Spitze eines Dolches. Bringen den peinigenden Schmerz von damals schlagartig zurück. Musste sie mich daran erinnern? Einen Moment hebe ich die Schultern, um sie daraufhin wieder fallen zu lassen. »Er hat sich eben anders entschieden.«

   »Verteidigst du etwa sein Verhalten?«

   »Das ist Jahre her. Wir waren jung. Wussten nicht, was wir wollten«, behaupte ich, obwohl das schlichtweg gelogen ist. Denn anders als Liam wusste ich ganz genau, was ich wollte oder besser gesagt, wen ich wollte. Doch Liam hatte sich für Ava, meine damalige beste Freundin, entschieden, die sich überraschenderweise auch prompt auf ihn eingelassen hat. Obwohl sie wusste, dass ich über beide Ohren in ihn verknallt war. Was noch viel schlimmer war als das, was Liam abgezogen hat. Denn von seiner besten Freundin erwartet man so etwas nicht. Ich hatte ihr nur wenige Tage zuvor davon erzählt und trotzdem hat sie sich an ihn rangeschmissen, als wisse sie nichts von meiner heimlichen Schwärmerei für den besten Freund meines Bruders. Liam kann ich das schlecht vorwerfen. Auch wenn ich es mir noch so sehr gewünscht habe, dass er mich anstelle von Ava wähle. Gefühle lassen sich nicht erzwingen.

   »Hey, ihr zwei.« Susan öffnet die große Glasschiebetür und kommt mit einem voll beladenen Tablett zu uns. »Liam meinte, die Reparatur würde etwas Zeit in Anspruch nehmen. Da dachte ich mir, solange die Jungs am Bulli basteln, genehmigen wir uns ein paar Cocktails.« Gläser klirren, als sie das Tablett auf dem Gartentisch abstellt.

   Wir setzen uns zu ihr.

   »Leicht süßlich mit einem Hauch Vanille. Die perfekte Grundlage für einen Mädelsdrink und um euren Roadtrip einzuläuten.«

   Susan probiert gerne Neues aus. Anscheinend hat sie vor Kurzem das Cocktailmixen für sich entdeckt. Seit Mums Tod ist unser Kontakt mehr geworden. Wir sehen uns oft, meist dann, wenn Rory sich mit Liam trifft, denn dann laufe ich ihm wenigstens nicht über den Weg.

   Wir sitzen lange auf der gemütlichen Terrasse, schlürfen einen Cocktail nach dem anderen und reden über früher, heute und alle möglichen Dinge.

   Es ist nach Mitternacht, als wir schließlich zusammenräumen und nach drinnen gehen.

Ehe ich auf mein Zimmer gehe, lege ich einen Zwischenstopp im Badezimmer ein. Dann schleiche ich den nicht enden wollenden Flur entlang zu dem Gästezimmer, in dem ich untergebracht bin.

   Als ich die Tür öffne, brennt Licht. Meine Reisetasche liegt nicht mitten im Raum, wo ich sie noch vor wenigen Stunden abgestellt habe. Verwirrt trete ich ein und sehe mich um. Die Einrichtung ist nicht dieselbe wie zuvor. An der gegenüberliegenden Wand hängt eine übergroße Magnettafel, auf der mehrere Fotos gepinnt sind. Unter anderem ein Foto von Liam und mir.

   Neugierig gehe ich darauf zu, um es mir genauer anzusehen. Nur zu gut erinnere ich mich an den Tag, als wir auf Rory gewartet und die Fotobox entdeckt hatten. Liam hatte mich dazu überredet, Quatschbilder zu machen. Wobei ich das nur gemacht habe, um ihm zu gefallen. Ich hasse es, fotografiert oder gefilmt zu werden. Irgendwie sehe ich immer bescheuert aus. Mal sind die Augen zu, ich sage gerade etwas, sodass mein Mund weit aufgerissen ist, oder andere seltsame Gesichtsausdrücke werden für die Ewigkeit festgehalten. Allerdings ist dieses Foto anders. Es wirkt harmonisch. Vertraut. Ich sitze auf Liams Schoß, weil die Kabine für zwei Personen zu eng war, und ich lache. Kein blödes Gesicht, keine geschlossenen Augen. Auf diesem Foto sehe ich ausnahmsweise wirklich gut aus. Wenn ich das sage, soll das was heißen.

   An jenem Tag war ich überglücklich. Ich dachte, ich hätte Chancen bei Liam. Dass er auch an mir interessiert wäre. Zumindest hat es sich in dem Moment in der Kabine so angefühlt, als wäre mehr zwischen uns. Womöglich war es auch nur das Wunschdenken eines verliebten Mädchens.

   »Hast du dich verlaufen, Puffin?«

   Erschrocken wirble ich herum und habe große Mühe, mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Die letzten Cocktails waren ziemlich stark, was sich ausgerechnet jetzt bemerkbar macht.

   »Ich habe …« Mehr bekomme ich nicht heraus. Liams nackter Oberkörper bringt mich komplett aus dem Konzept. So sehr, dass sogar der sich anbahnende Wutanfall ausgebremst wird, weil er mich Puffin nennt. Seit er damals mitbekommen hat, dass Papageientaucher – Puffins – meine Lieblingstiere sind, nennt er mich hin und wieder so, um mich zu ärgern.

   Oh, wow! Mein Blick gleitet über Liams Brust, sein Sixpack und zurück zu den muskulösen Oberarmen. Offensichtlich hat er in den vergangenen zwei Jahren trainiert. Er war schon immer sehr sportlich, aber ich hätte nicht gedacht, dass er so gut in Form ist. Ob er ins Fitnessstudio geht?

   Liam bemerkt meine Befangenheit, grinst amüsiert, geht um mich herum, schnappt sich das über der Stuhllehne hängende Shirt und zieht es sich über. »Besser?«, fragt er grinsend und rubbelt sich mit der Hand durch die vom Duschen noch feuchten Haare.

   »Ja. Ähm, nein … Ich meine … doch.« Beherrscht räuspere ich mich, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, sehe zu Boden und füge verlegen hinzu: »Sorry, hab mich in der Tür geirrt.«

   »Bei der Menge an Räumlichkeiten kann das durchaus passieren«, antwortet er lässig und kommt näher. »Susan freut sich riesig, dich zu sehen«, sagt er und steht dabei so dicht vor mir, dass ich beinahe zur Decke hinaufsehen muss, um ihm ins Gesicht zu blicken.

   Freust du dich auch?, würde ich am liebsten aus einem Impuls heraus fragen, verkneife es mir aber und antworte stattdessen: »Ich freue mich auch, sie zu sehen.«

   Einen Moment mustern wir uns schweigend. Bei seinem Anblick, den rauchblauen Augen, die mich auf eine Art und Weise ansehen, die ich nicht deuten kann, wird mir mulmig. Das Gefühl des Enttäuschtwerdens kriecht in mir hoch und aktiviert meinen Schutzmechanismus, der schlagartig nur noch eines im Sinn hat – Flucht.

   Ohne darüber nachzudenken oder etwas zu sagen, drehe ich mich um und verlasse sein Zimmer.

   »Andere Richtung«, ruft er mir belustigt hinterher, als ich nach rechts abbiege. Auf halbem Weg mache ich kehrt, gehe an seiner Zimmertür vorbei, ohne noch einmal hineinzusehen, und betrete eine Tür weiter das Gästezimmer, das mir zugeteilt wurde.

*** Ende der Leseprobe ***

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Auszug aus dem Roman 'Die Sehnsucht unserer Herzen'. Veröffentlichung 29. September 2022. © Romy Terrell, 2021, Alle Rechte vorbehalten