Rory

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie ich sterben werde oder wie es sich anfühlen wird. Natürlich wünscht man sich einen schmerzfreien Tod. Sorgenfrei einschlafen und nicht mehr aufwachen. Nichts mitbekommen. Zum Glück wissen wir vorher nicht, wie es zu Ende geht.

  Dass ich mich gegen eine Behandlungstherapie entschieden habe, hat alle verletzt. Selbstverständlich können sie meine Entscheidung nicht nachvollziehen. Wie denn auch, wenn ich es selbst kaum begreife.

  Leben. Ist es nicht das, was jeder möchte? Warum sollte man dann nicht alles daransetzen, um zu überleben? Doch genau das ist das Problem. Der Grund, weshalb ich mich dagegen entschied. Ich wollte nicht nur überleben. An ein Bett gefesselt, mit Schmerzmitteln zugedröhnt, die mir nur bis zu einem gewissen Grad Linderung verschaffen. Mit Bewusstseinsstörungen, denen ich machtlos ausgeliefert bin und womöglich mit aggressivem Verhalten und Worten diejenigen verletze, die ich am meisten liebe. Ihnen diese Bürde nicht aufzubinden, das war es, was mich zu dieser Entscheidung geführt hat. Das und die Gewissheit, dass jede Art von Therapie nur ein Herauszögern des Unausweichlichen sein wird.

  Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagt man. Doch als ich zu Boden sinke, ist da nur dieses eine Bild – Caitlin. Meine bezaubernde Frau. Mit den sanftmütigen graugrünen Augen und dem engelsgleichen Gesicht. Daneben Amelia und Liam, die endlich zueinander gefunden haben.

  Der Boden unter mir ist hart und kalt. Ich spüre weder den Aufschlag, noch den Schmerz, der meinen geschwächten Körper durchfährt. Genauso wenig wie ich wahrnehme, dass dies mein letzter Atemzug ist. Die Ohnmacht, die mich gelinde zu Boden schweben lässt, packt mich in einen schützenden Kokon. Meine Lider schließen sich von selbst, während mein Herz Schlag für Schlag leiser wird. Bis es schließlich verstummt. Umschlossen von dieser angenehmen Ruhe, spüre ich seltsamerweise keine Verzweiflung. Nicht in diesem Augenblick. Alles, was ich spüre, ist Caitlins bedingungslose Liebe, die sie mir in all den glücklichen Jahren und meinen letzten Sekunden schenkt. Tiefe Grübchen bilden sich um ihre Mundwinkel, während ihr lauwarmer Atem mein Gesicht streift. In der Stille der Nacht kann ich ihr wundervolles Lachen hören. Ihre schlanken Finger beinahe auf meiner kalten Stirn spüren, wie sie mir liebevoll über das Gesicht streichen und dann sind es ihre Worte, die mich angenehm in den Schlaf wiegen.

  »Ich liebe dich.«

BONUS-SZENE